Streifzüge 2026 und 2025
Von Priestewitz zur Bosel
10. Mai 2026
Wir setzen den vorigen Streifzug an der Stelle fort, wo wir letztens abbrachen. Wir laufen über die B101, da sich das Gävernitzer Hügelgrab anders nicht erreichen lässt. Ein um diese sonntägliche Morgenzeit unbefahrener Fahrradweg erleichtert uns den Gang. Durch Wantewitz, Piskowitz und an Gävernitz vorbei gelangen wir zum Hügelgrab.
Dieses wurde 1929 erforscht und in der Folge das erste archäologischen Freiluftmuseum in Sachsen errichtet. Ausführlich berichtete unlängst ein Beitrag in den Sächsischen Heimatblättern darüber. Anlass dazu war die Neugestaltung der Stätte. Überall stehen Schilder mit QR-Codes und Schriftafeln. In Stauda, wo es keinen Hinweis gibt aber einen privaten Zaun, wirkt der Ort eindringlicher auf den Betrachter. Aber hier ist nun ein schöner und geräumiger Platz gestaltet worden, an dem man rasten und sich eine Weile aufhalten kann, ohne auf die zahlreichen Verschriftlichungen weiter einzugehen.
Das Rapsfeld hinter dem Platz steht schon zu hoch, um dadurch noch den Feldweg zu erreichen, der parallel und in Vermeidung der Straße willkommen wäre. Wir laufen durch das Gävernitzer Heidchen und biegen hinter diesem rechts ab auf Feldwege, die uns im Halbschatten des Waldrandes und über den Acker nach Ockrilla führen. Von dort müssen wir weiter die Straße nach Gröbern nehmen, von wo wir über die Felder zum Roitzschberg gelangen, auf dem nur noch etwas Wiesenbocksbart und Milchstern anzutreffen ist in der grünen Ödnis.
Wir laufen teils auf den Fahrspuren der Landmaschinen durch die Felder bis wir am Gottesacker von Niederau hinauskommen. Im Ort sprechen wir bei einem dort ansässigen Wanderfreund ein und sitzen ein Weilchen zu fünft mit ihm herum. Zum Mitkommen ist er nicht zu bewegen, da er am Vortag schon sehr ausgiebig das Triebischtal durchstreift hat.
Durch die Nassau und über die Bahnlinie gehen wir nach Zaschendorf und steigen auf die Bosel, wo wir im Gasthaus am Boselturm einkehren, einen Blick von der Boselspitze werfen und uns im heute geöffneten Boselgarten mit der anwesenden Gärtnerin austauschen. Über den Kapitelholzweg gelangen wir rechtzeitig zur Bushaltestelle und fahren nach Coswig und von dort mit dem Saxonia-Express nach Hause.
Von Lampertswalde nach Priestewitz
26. April 2026
Zu dritt langen wir nach geglücktem Umstieg in Coswig beizeiten in Lampertswalde an. Während wir durch den Ort gehen sehen wir, wie eine glänzende Burg majestätisch in naher Ferne das Spanplattenwerk Kronospan mit hohen weißen Ausstoß über der Esse. Über das Dorf Brockwitz gelangen wir bald auf Höhe einer Kiesgrube zum Basisendhäuschen der Großenhainer Grundlinie, nach der die Königlich Sächsische Triangulation seit 1860 aufgemessen wurde. Wir machen eine Rast.
Der Wanderfreund hat das Findeglück eines weißen Feuersteins mit einem kleinen Muschelabdruck, der präzise wie eine Porzellanmarke mitten auf dem Stein sitzt. Über Folbern laufen wir weiter nach Großenhain, wo wir auf der Festwiese über einen Trödelmarkt schweifen. Am Frauenmarkt suchen wir mit Erfolg die Gaststätte Bretschneider auf und speisen dort. Dann gehen wir über den Markt zur Marienkirche und erfreuen uns ein weiteres Mal an der Theatralik eines vollendeten lutherischen Gotteshauses. Dieser Typus ist hier noch weit eindrucksvoller und homogener zu erleben als in der Dresdner Frauenkirche. Nach einigem Suchen finden wir auch die Gedenkstätte der von den Sowjets Massakrierten.
Wir lassen uns die Konditorei Faust auf der Meißner Straße empfehlen, von wo wir nach dem Genuss von Kaffee und recht gutem Kuchen durch Mülbitz gehend die Stadt verlassen und bald in Zschauitz des bemerkenswerten Herrenhauses und Gutes ansichtig werden, dann längs der Berliner Bahnlinie und unter dieser hindurch nach Kottewitz gelangen, an dessen Rande ein Teich liegt neben einer Bismarckeiche. Wir nehmen die gesperrte Brücke über das Wasser und gehen abermals, diesemal unter der Leipziger Bahnlinie hindurch nach Stauda, wo in einem Privatgrundstück abgegrenzt eine Wallburg liegt, die wir von allen Seiten erblicken aber nicht betreten können.
Wir entschließen uns zur Abkürzung des Streifzugs, aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und müssen am Haltepunkt Priestewitz nicht lange auf den Zug von Leipzig warten.
Durch die Döllnitz-Aue
Von Oschatz nach Riesa
11. April 2026
Als wir zu dritt am gar nicht mehr so frühen Morgen in Oschatz aus dem Zug steigen, ist es noch fürchterlich kalt. So suchen wir, bevor wir unseren Weg antreten, noch einmal in der Stadt Zuflucht. Wie von Ferrara gesagt wird, dass es zumeist in die Nebel der Auen des Po gehüllt ist, so ragen hier Kirche und Rathaus, unter Gottfried Sempers Leitung neu- und wiedererrichtet, um den Oschatzer Markt aus den kalten Schwaden heraus. Auf der Suche nach einem Bäcker wurde uns von einem vorübergehenden am Markt, die Konditorei Wentzlaff gewiesen. Das Innere ist sehr stilvoll eingerichtet, enthält kernige wohl beschaffene Backwaren bei auskunftsfreudiger Bedienung. Ein kleiner Hoppler, ein verspätetes, östliches Gebäck, sowie verschiedene Kaffee-Schokoladen-Spezialitäten laben uns, ehe wir wieder koffeingetrieben auf die morgenkalten Straßen zurücktreten um weiter zu hoppeln.
Unser Weg aus der Stadt hinaus führt vorbei an einem völlig aus der Zeit gefallenen Geschlechts-Geschäft und an der umgebauten Kaserne des 4. Eskadrondes 1. Königlich Sächsischen Ulanen-Regiments Nr. 17, erkennbar an einigen Elementen des Fassadenschmucks. Kein Schild erinnert hier an diese landes- wie militärgeschichtlich bedeutsame Tatsache.Von den Lanzenreitern wird hier nicht annähernd soviel Aufhebens gemacht, wie von den Husaren in Großenhain. Auf meiner Wanderschaft erfuhr ich vor zehn Jahren vom Wirt des Gasthofes zum wilden Bären in Spansdorf bei Gröditz zum ersten mal von der Existenz der kühnen Reiter, weil dort ein gewidmetes Bild des Marschalls Hindenburg in der Gaststube hing. Die sächsischen Reiter sollen über die 1848er Emigration auch einen beachtlichen Beitrag beim Aufbau der US-Cavalry geleistet haben. Zwei Jahre darauf sah ich dann in Goldap in Ostpreußen die Gräber von den in der Masurenschlacht 1914 dort gefallenen berittenen Sachsen des in Dresden stationierten Gardereiterregiments. Aber auch die Oschatzer Ulanen wurden am 31. August von ihrem Sationierungsort Metz über Saarbrücken, Frankfurt, Leipzig, Posen, Bromberg und Marienburg nach Madleuten verlegt, wo sie gegen die russische Nordarmee unter Rennenkampf ins Feld zogen. Sie nahmen an der Schlacht um Warschau teil und wurden dann nach Riga, schließlich ans Schwarze Meer nach Odessa und Poti verlegt. In Oschatz wurde auch „Remondis“ ausgebildet, das Pferd von Friedrich August III., auf dem er den eigentlich besseren Reiter Wilhelm II. auf Paraden ausstach. Remondis folgte dem König nach Sibyllenort und trabte 1932 in Dresden neben dem Sarg seines Herren zur Hofkirche.
Zwischen der Döllnitz und dem Talberg laufen wir zurück und queren die Bahnlinie und die Döllnitz, gelangen am Herrenhaus Mannschatz vorbei und gehen in der Döllnitzaue nach Schmorkau, wo unsere Wünsche von einer Friedhofsgärtnerin erraten werden, bevor wir sie äußern können. Wir bekommen die kleine Kirche mit der beachtlichen romanischen Apsis aufgeschlossen, lassen die Weihe dieses Ortes auf uns einwirken. Dann laufen wir weiter nach Borna, wo die Kirche mit den Fesseln an der Herrschaftsloge uns verschlossen bleibt. Wir rasten auf dem Gottesacker und gehen weiter über Wadewitz durch Schwarzroda nach Merzdorf, wo bereits Riesa beginnt.
Ein erschöpfend weiter Weg an Kleingartenanlagen an der Bahnlinie und dem Seifenwerk Kappus, sowie weiteren Industrieanlagen, einem Blick auf das Stahlwerk und den Betriebsbahnhof führt uns wir durch vornehmlich mit Neubürgern bestückte Neubaugebiete zur Elblandkunsthalle, wo bereits Matthias Eisenberg an seiner Reiseorgel in die Tasten greift. Was als eine Art Tate modern von Riesa gepriesen wird ist ein schäbige Industriehalle der Muskatormühle, die mit geringem Aufwand sicher in schöne Ausstellungsräume hätte verwandelt werden können. Aber die Riesaer Bildungsbürger, die daheim sicher durch aseptische Räume wandeln, wollen offensichtlich auf Kosten des Wirkungsgrades der hier präsentierten Malerei von Sighard Gille, die verruchte Rauheit eines verlorenen Platzes genießen. Das abseitige Schwadronieren des Herrn Hametner schenken wir uns und lassen uns stattdessen in einen Liegestuhl auf der Terrasse sinken.
Kurz bevor wir uns nach langem Aufenthalt zum Brauhaus im DDRlichen Riesenhügel bewegen, entdecken wir noch die unterirdische Fotoausstellung von Gerhard Weber mit sehr eindrucksvollen Aufnahmen vom Schneidermeister auf dem Nähtisch im Fenster seines Ladens, einer Männertagsgesellschaft und Arbeitspause in der Kaninchenschlachterei. Gerade im Zug stellen wir fest, das Tasche und Wanderstock im Restaurant verblieben sind. Ich steigen umgehend wieder aus fahre zurück, sammle rasch die vergessenen Gegenstände ein und habe tatsächlich das Glück, durch diese Verzögerung einige Stationen weiter schon länger nicht mehr gesprochene Radebeuler Wanderfreunde auf dem Rückweg von einer Familienfeier einsteigen zu sehen. Die zusätzliche Reise im überfüllten Saxonia-Express wird dadurch kurzweiliger. Wer Unbequemlichkeit nicht scheut, wird immer gewinnen.
Fußreise zur Osternacht nach Großschirma
4./5.April 2026
Als ich vor zwei Jahren auf Einladung von Markus Gille die Osternacht im Freiberger Dom verbrachte, floh ich der dunklen Halle und den düsteren Gesängen vor der Zeit und hörte an der Feuerschale vor Pforte stehend dem Lobpreis der Vögel. An Auferstehung war in dieser niederschmetternden Sphäre da kaum zu glauben. So wie jede Nach ungewiss ist, ob wieder eine Sonne aufsteigt, so ist auch die Auferstehung des Herren, unter den Menschen zumindest, einer gültigen Bestätigung bedürftig. Erzählen und beschwören kann man immer viel. Was geschieht, bleibt eine Gnade, um die es sich gleichwohl zu bemühen gilt. Als ich noch unmündig evangelisch war, war mir der Erntedankgottesdienst mit seinem frohen Altarschmuck das liebste Fest im Kirchenjahr. Das Abbild vom zu Tode gefolterten Menschen verschwand da immer so gnädig hinter und unter den Ackerfrüchten.
Bilder von der Begehung der Osternacht durch Pfarrer Justus Geilhufe in Großschirma ließen da eine andere, angemessenere Möglichkeit erahnen. Im vergangenen Jahr hatten sich die Freiberger Freunde dieser Feier angeschlossen und waren beeindruckt. Dieses Jahr wollte ich mich anschließen. Da ich ein Schäflein neben der Herde bin, genierte es mich, als Tourist anzureisen, in Freiberg, ohne eine vorabendliche Geselligkeit, einen Schlafplatz zu nehmen und am Morgen in Großschirma von der Spiritualität zu naschen. Aus diesem Gefühl des Ungebührlichen erwuchs das Vorhaben zu Fuß von Radebeul dorthin aufzubrechen. Erst nur allein nach Freiberg, um dort im gastlichen Haus des Oberbergrates zu nächtigen, dann auf der Suche nach Pensionen in und um Großschirma. Schließlich fragte ich einige von den hartgesottenen Gehern und ich fragte bei Pfarrer Geilhufe in Großschirma an. Uns wurde verstattet die wenigen Stunden der Ruhe im Einkehrhaus zu verbringen.
Schließlich brachen wir zu viert auf. Ab Niederwartha liefen wir zu dritt weiter, waren im Nu, etwas vom Wege abkommend in Hühndorf und liefen weiter über Bräunsdorf, Klipphausen und Sora nach Limbach, wo uns der kundige Resident des Pfarrhauses für eine erste längere Pause einen Trunk spendete und uns mit Wanderergeschichten unterhielt. Über Blankenstein stiegen wir hinab ins Triebisch und kehrten zum zweiten Mal in der Dietrichmühle nur für eine Kleinigkeit ein. Danach liefen wir über die Nagelsche Säule bei Neuenkirchen durch Dittmannsdorf und Krummenhennersdorf nach Halsbrücke, wo wir direkt an der Halsbrücker Esse, der wir alle noch nie so nahe gekommen waren in den Ort eintraten und im Brauhaus am Bahnhof ausgiebig speisten. Unterdessen hatte sich die Nacht herabgesent und durch die Dunkelheit liefen wir an den Halbrücker Metallwerken vorbei, welche die Rohlinge für die Euromünzen herstellen. Was wir im Dunkeln unter den Füßen hatten, auf dem Weg nach Rothenfurt wirkte wie Halde und Deponie. Gegen 23 Uhr langten wir schließlich an der Großschirmaer Kirche an, richteten unsere Betten und schliefen bis 5 Uhr.
Auf dem Feld hinter der Kirche war ein Feuer entfacht. Mit mehreren Stationen um den Pfarrer im weißen Überwurf und den Kindern mit Laterne und Vortragekreuz hörten wir Erzählungen von Noah und Moses und näherten wir uns dem Kirchlein. In dem dunklen Raum entzündeten wir unser Wachskerzen an der Laterne. Es folgte ein Gottesdienst mit Erwachsenentaufe und Abendmahl, anschließend üppiges Frühstück im Gemeindehaus.
Über das Große Campement bei Mühlberg
29. März 2026
Nachdem zwei Wanderfreunde am Vorabend und nächtens ihre Teilnahme abkündigten, lassen wir uns zu viert ab Riesa von einem Anruflinientaxi nach Gröditz bringen. Der nun überflüssig gewordene zweite Kraftwagen kann ausbleiben. Die Fahrerin erweist ist keineswegs unfreundlich aber völlig humorlos. Sie grummelt genüsslich über irgendwelche Zumutungen des Lebens, lässt sich aber von uns auf keine Weise beschwingen.
In Gröditz gehen wir auf Schleichwegen an der Großen Röder entlang und besichtigen das legendäre Hotel Spanischer Hof. Die schenkende Gründung eines wohlhabend gewordenen Gröditzers an seine Geburtstadt. Spanisch-maurisch tritt auch das Kino Castello mit Zinnenkranz neben dem von-Einsiedelschen Stahlwerk auf. Das war es aber mit den mediterranen Reizen. Wir biegen an der Tankstelle auf Feldwege die nach Pulsen führen, queren die Geisslitz oder den Röderkanal vor Koselitz, wo dorfweit die weißen Veilchen blühen, machen wir einen Bogen zwischen Teichen, deren erster, der Feldteich komplett abgelassen ist.
Wir unternehmen einen Abstecher zum Koselitzer Rittergut und laufen weiter am Ufer des Elsterwerdaer Floßkanals nach Streumen, von wo aus wir einen der Obelisk inmitten eines Getreidefeldes aufsuchen, der zur Erinnerung an das Zeithainer Lager errichtet wurde. Die anderen beiden können wir nur aus der Ferne erspähen und sparen uns den unbequemen Zugang. Längs des Weges finden sich Hinweisschilder zu Zweck und Standort der temporären Baulichkeiten, z. B. eines Opernhauses, die im Zusammenhang mit dem Großen Campement bei Mühlberg errichtet wurden.
Weiter geht es an Flößkanal bis Marktsiedlitz von wo wir über Radewitz nach Glaubitz gelangen. Der nächste Zug wird knapp nicht erreicht, der Gasthof zu den Drei Lilien soll 14 Uhr schließen. Wir stürmen noch zehn Minuten zuvor rein, in der Hoffnung vielleicht bis zur Abfahrt des nächsten Zuges geduldet zu werden. Aber heute ist hier alles anders, zwei große Gesellschaften werden bedient und anstatt uns abzuweisen, wird uns ein Tisch zugewiesen im Raum mit den Luckauern, die nach einer Besichtigung der Bergstadt Freiberg, in keinem der dort zahlreichen Etablissements sich niederlassen wollten, weil ihnen wohl das flache Riesaer Gebiet heimeliger war.
Im Saal ums Eck wird ein siebzigster Geburtstag gefeiert, als die Luckauer abmarschiert sind, tönen laute Schlagerlieder von der Alleinunterhalterin durch den Flur zu uns. Wir haben uns so behaglich niedergelassen, dass wir noch einen weiteren Zug fahren lassen und dann noch einen Gang durch den Ort unternehmen und vom Schloss Glaubitz ab dem Friedhof unterhalb eines kleinen Geländerückens der Bahnhofsstrasse zueilen, um den nächsten Zug nur durch dessen Verspätung und unsere Überhastung noch zu bekommen. Er ist gut gefüllt und wir müssen alle abseits voneinander sitzen. Als mein Sitzgegenüber sein Buch zuklappt, treten wir in ein Gespräch über Wanderungen und Musik. Er stammt aus dem Hochsauerland und ist ein ebensolcher Wanderfreund wie Musikliebhaber. Die neue Parsifal-Inszenierung verlockte ihn zur Regionalzugfahrt nach Dresden.
Von Schmölln über Dobitschen nach Starkenberg
28. Februar 2026
Vier Trüppchen von zwei Wanderburschen und maiden aus Markleeberg und zwei mal zwei aus Leipzig sowie dreien aus Dresden waren am Bahnhof Schmölln verabredet zum ersten Osterländischen Streifzug in Richtung Meuselwitz. Auf der Mitte dieses Weges lockt uns das Dobitschener Wasserschloss. Da eines der Leipziger Paar ausblieb beginnen wir schon in Richtung des Ernst-Agnes-Turmes loszustreifen. Von dem Stahlfachwerkbau erblicken wir schließlich die beiden Nachzügler, wie sie auf dem Feldweg uns zustreben.
Nach allseitigem Begrüßen und Bekanntmachen geht es weiter über Nödenitsch nach Drogen durch ausgeräumte Landwirtschaftsflächen. Ab Drogen immerhin dann auf einem Feldweg durch leicht welliges Land.
In Dobitschen haben die Mitglieder und Helfer des Orts- und Kulturvereins ihr Aufräumwerk schon vollendet. Wir kommen ins Gespräch und rasten bei einem Imbiss. Mit Martin Burkhardt dem aus Franken stammenden Vorsitzenden des Vereins Altenburger Bauernhöfe, hauptberuflich stellvertretenden Solo-Pauker des Altenburger Orchesters kommen wir schnell ins Gespräch, ebenso mit der jungen Vorsitzenden des Dobitschener Kulturvereins, Lucienne Matthes, die uns durch das Wasserschloss führt. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Wasserschloss, bei dem der Wasserspiegel in den Kellerräumen funkelt. Das Hochparterre-Wassergeschoss, sonst Erdgeschoss ist voller Bananenkisten mit Katalogen und Kunstbüchern.
Das Schloss gehört dem in der Schweiz lebenden Kunstsammler und Kulturunternehmer Erwin Feurer, dessen offene Art uns nach Dobitschen gelockt hat. Der einstige Sitz eines Altenburgischen Kanzlers hat in den letzten Jahrzehnten eine eher dubiose Geschichte gehabt. Vor kurzer Zeit wurde ein vergleichsweiser harmloser Film über Schiller hier gedreht. Die wüste Talmi-Dekoration erinnert aber noch an jene Zeiten, da in dem Schloss pornografische Filme hergestellt wurden. Einige Mansardenzimmer sind rosa getüncht, die Treppe golden lackiert, schwarze polierte Fußbodenplatten im Erdgeschoss glitzern widerlich. In der Belle Etage sind bunte Kunstwerke an die Wand gepinnt und stehen antike Möbel herum.
Abhilfe würde hier nur eine Bodenreform mit Wiedereinsetzung der ständischen Ordnung bewirken. Gebt verwüstetes Land zurück in Junkerhand! Der Wirtschaftshof ist noch in der Bausubstanz weitgehend erhalten. Zu Genossenschaftszeiten soll er ausschließlich zur Schweinezucht gebraucht worden sein. Die Zeit, da das Schloss der führende Mittelpunkt einer gepflegten Ordnung war ist hier noch länger vorbei als anderswo. Wir halten lange inne in Dobitschen, eher wir weitergehen. Die drei Dresdner und die zwei Leipziger kehren um in Richtung Schmölln, wo sie ihre Kraftfahrzeuge abgestellt haben.
Zu viert ziehen wir weiter. Empfohlen wurde uns die barocke Dorfkirche im nahegelegenen Dobraschütz. Bemerkenswert ist auf dieser Wanderung die teils althergebrachte lakonische Beschilderung, aber auch die Zeugnisse von Straßenumbenennungen. Da steht das durchgestrichene Schild mit dem alten Namen, neben der neuen Bezeichnung. Im Dobitschener Dorfgasthof, am dem wir vorbeistreifen, hat sich eine orientalische Fleischspießbräterei, das Schah Döner Haus, angesiedelt. An der Theke, wo früher der Ackersmann nach getaner Arbeit sich seinen Klaren hinter die Binde goss, wird Kraut mit überwürzten Fleischfetzeln und nivellierender Soße in aufgeschnittene Weißbrote gestopft, wie an jedem Kiosk in jeder Stadt.
Als wir in Dobraschütz einfach in die offenstehende Kirche eintreten wollen, schallt es aus dem Nachbarhaus: „Halt, Polizei!“ Der Dachdecker im Ruhestand ist ein Scherzbold und führt uns geduldig und gesitreich durch die Dorfkirche. Er ist erklärter Ungläubiger, schätzt aber den Ausdruck und die Stimmung des Bauwerkes. Wenn der Pfarrer bei dem gelegentlich stattfindenden sonntäglichen Gottesdienst von seiner gemeinde im Stich gelassen wird, lässt er sich großzügig in der Kirchenbank nieder. Mit seiner Statur kann er für zwei Gläubige gelten, womit eine Gemeinde schon entstanden wäre. Die Deckenmalereien gehen nicht über das Niveau von Stammbuchengeln hinaus. Bemerkenswert sind die Totenkronen, die sich in der sakristei erhalten haben. Schön auch die Anekdote, die mit der Restaurierung der alten Orgel verbunden ist. Der Altenburger Senfmagnat hatte einen Orgelbauer als Schuldner, den ließ er seine Verbindlichkeit und noch etwas bezahlte Arbeit dazu angelten für die Orgel der Dorfkirche, deren Blasebalg von Mardern zerfressen wurde.
Am alten Bahndamm entlang gelangen wir zum Holzhüttenlager eines Waldkindergartens an dem wir uns noch einmal niederlassen, ehe wir nach Starkenberg hineinlaufen, wo wir schließlich entscheiden, im Gasthof auf den Bus zu warten, der uns mit Umstieg in Dobitschen nach Altenburg bringen soll. Doreen Kuczawa aus Altenburg hat das Wirtshaus wieder flott gemacht, allein heute ist es dicht. Das verdrießt uns sehr. Nachdem wir eine Weile um den geschlossenen Gasthof herumgegammelt haben, gehen wir zur Fernstraße, wo allerdings kein Bus zur Besagten Abfahrtszeit in Erscheinung tritt. Ein Anruf in der Zentrale fördert zutage, dass nie einer abgefahren ist. Ein Versehen oder eine Nachlässigkeit des beauftragten Transportunternehmens. Man will die Scharte wieder auswetzen und uns direkt nach Altenburg befördern, da der Umstieg längst verpasst ist.
Schließlich kommt ein Kleinbus, der aber einen riesigen Bogen über Meuselwitz mit uns fährt, um sich zu vergewissern, dass dort kein Passagier auf die Fahrplanmäßige Verbindung wartet. Diese Gewissenhaftigkeit wurde an uns gespart. Es wartet keiner und die Fahrt geht vorüber an einem halben Dutzend erleuchteter deutscher Traditionsgasthäuser, wie uns zum Hohn. In Altenburg steigen wir in den Kraftwagen der Leipziger und vertrödeln noch ein heiteres Stündchen im Markkleeberger Kutscherhaus mit Leerung der Flasche Luxardo Sangue Morlacco, die wir am Vorabend dort zu dritt eröffnet hatten. Die Gegend wird uns wiedersehen.
Von Rumburg nach Neugersdorf
21. Februar 2026
Unerwartet treffe ich am Bahnhof Neustadt auf den Micktener Wandererfreund. Im Reichenberger Zug sitzt, erwartet, schon der Dresdner Gefährte, in Wilthen steigt ein Kirschauer zu, der sich vom Neugersdorfer Freund zu ungewöhnlichen Bewegungsverhalten hat aufwiegeln lassen. Jener wiederum erwartet uns in Ebersbach. Der tschechische Busfahrer berechnet uns ein fünffaches Billett nach Schönlinde, dessen Beförderungsversprechen nur zur Hälfte erfüllt wird. Denn am reizenden Rumburger Bushäusel mit Uhrturm und dem romantischen Namen Bytex 01 warten wir inmitten von Einheimischen auf den Anschlussbus in Richtung Kreibitz.
Wir erfahren schließlich von einer Verspätung, die vierzig Minuten betragen soll, nachdem wir schon 20 Minuten gewartet haben. Im eigentlich nur von Pon bis Pat geöffneten Imbisshäusel schiebt eine Dame dennoch das kleine Fensterchen zur Seite und reicht uns Büchsenbier, türkischen Kaffee und Schwarztee durch die Luke. Die autochthone Wartegemeinschaft hat sich längst aufgelöst. Als sich die Verspätung auf weitere zehn Minuten summiert, vertreten wir uns noch ein bisschen die Füße im naheliegende Stadtviertel, besuchen einen Vietnamesen-Potraviny, denn unablässig müssen die Biervorräte erneuert werden. Nach unserer Rückkehr ist von einem verspäteten Omnibus nach Kreibitz keine Rede mehr. Der ist einfach aus dem System verschwunden.
Wir müssen also umplanen und entscheiden uns erst einmal längs der Mandau durch Oberhennersdorf/Horni Jindrichov zu gehen, um dann kurz vor Seifhennersdorf in Richtung Warnsdorf abzubiegen. Das ist wohl nicht sonderlich umsichtig. Aber da es regnet und entschieden unbehaglich ist, fehlt die Gelegenheit eingehender Erörterungen über den Kartentisch. Not tut ein forscher Entschluss zum Fortgang im Wortsinne. Dabei hätten wir dringend der Entrückung aus dem unmittelbaren Siedlungsgebiet ins landschaftliche Offene bedurft. Hier aber gibt es dazu keine Gelegenheit. Ein Dorfbild geht ohne Freiraum ins nächste über. Aber auch das hat sein Gutes: Für den unversehens unter die Wandervögel gestoßenen Kirschauer mit seiner fachhandwerklich versierten Grundhaltung
ist die Freiluftausstellung ländlichen Bauens mit seinen Variationen von Ständerungen, Verfachung und Holzfügung eine gute Ablenkung von der Ödnis wochenendlicher Landschaftsbegehung.
Dort wo Rumburg bruchlos in Oberhennersdorf übergeht werden die Häuschen immer kleiner. Ein interessantes Paar spätbarocker bis bis frühklassizistischer Heiliger von 1850 säumt die Brücke über die Mandau. Johannes den Täufer steht hier gegenüber seinem Vater, dem heiligen Zacharias. Die ungewöhnliche aus der Zeit gefallene Bildsprache, erinnert ein wenig an das Werk der Pettrichs. Deren Grabmale auf dem Dresdner Alten katholischen Friedhof wie auf dem Gottesacker von Schönlinde zu bestaunen sind.
Dem Kirschauer entspringt bald eine neue Quelle des Verdrusses: Eine seiner Schuhsohlen ist so gebrochen, dass mit jedem Schritt Wasser eindringt. Dieser Nachteil ist freilich nur für kurze Zeit sein Alleinstellungsmerkmal. Indem sich der Schnee in Regen wandelt und da wo er schon liegt sulzig verpampt, bekommen wir Schritt für Schritte alle ebenso nasse Füße. Menschen sind hier an diesem grauen Sonnabendvormittag weder auf der Gasse noch in den Gärten und an den Garagen anzutreffen. Die Nachfrage um Schuhwerk in einer vietnamesischen Basar-Baracke direkt an der Grenze bleibt ebenso vergeblich. Die nordböhmischen Indochinesen verweisen auf die zahlreichen Geschäfte in Varnsdorf.
Kurz hinter der Grenze stellen wir dann doch einen bärtigen Zausel. Nach der Möglichkeit in Seifhennersdorf provisorisches Schuhwerk zu erwerben befragt, gibt der Tscheche versiert und bereitwillig Antwort. Viel Hoffnung darauf, dass eines der beiden Schuhgeschäfte geöffnet sei, kann er allerdings auch nicht vermitteln. Als er zuletzt nach der Schuhgröße des Bedürftigen fragt, wiegelt dieser ab. Es steht ihm offenbar nicht der Sinn nach hinreichend ausgetretenen Schuhgeschenken. Seine Delikatesse in dieser Hinsicht offenbart ein grobes Missverhältnis zur beklagten Bedürftigkeit. Auch der weitere Fortgang der heutigen Wanderung, die gleichwohl oder eben deshalb als sehr erfüllt gelten darf, ist voller unaufgelöster Widersprüche und unvorhersehbarer Vorkommnisse.
Mit zwei Herren, die vormals beim Klavierbau Bechstein in Seifhennersdorf beschäftigt waren, ergibt sich ein launiges Gespräch, das sich freilich zur Linderung unserer Nöte nicht als zielführend ist. Letzte Hoffnung bleibt Warnsdorf, entweder mit dem Kaufland oder dem asiatischen Einkaufszentrum samt Piewnitsche Saigon. Darum verlassen wir das Mandautal und steigen hinauf in den eisigen Wind. Hier nun erweist sich der lädierte Wanderer als frohgemut, während zwei gut gerüstete Kameraden unerklärliche, temporäre, physiologische und moralische Defizite aufzuweisen beginnen.
Der Höhenweg zum Jentschberg führt über Felder bis zur Grenze vor Warnsdorf, wo wir direkt am Brauerei Kocour herauskommen und dort zur spießbürgerlichen Mittagszeit 11:30 Uhr eintreffen. In Blickrichtung auf den Tresen mit den anmutigen Zapferinnen setzen wir uns um einen Tisch und probieren uns durch die Palette hiesiger Gebräue vom Samurai bis zum Rest des Weihnachtsbieres, essen Kuddelsuppe, Gulasch und Panna Cotta. Der Besitzer dieses Anwesens beschäftigte zu dessen Restaurierung, vornehmlich deutsche Handwerksbetriebe, eine Frage einerseits von Prestige und andererseits von Präzision und Qualität. Vor drei Tagen hat hier Gilad Atzmon ein Konzert gegeben.
Ein kleines grell getünchtes Häusel, unweit des Brauereigeländes bietet ohne jede Nachweise Banknotentausch zu einem halbwegs anständigen Preis. Entlang an einer gigantischen Zeile von verfallenen Textilfabriken gelangen wir zum Kaufland, wo wir die ortsübliche Clique vor dem Eingang bilden, mit dem Blech in der Faust, beziehungsweise dem Kolatsch auf der Hand, während unserer Kamerad ziemlich lang und umständlich Schuhwerk besorgt. Mein forscher Aufbruch vom Kaufland mit Blick auf das bischöfliche Gymnasium hat nicht die gewünschte allgemein enthusiasmierende Wirkung, stattdessen grassiert partielle Resignation: Ein kleines Stückchen hinter dem Einkaufszentrum teilt sich unsere Fünfergruppe in drei Bierfässer, die sich außerstande zeigen, den Burgberg hinanzurollen und darum zum Bahnhof herabpoltern wollen.
Die verbliebenen zwei Fußgänger sind bestrebt nun endlich das Weite zu gewinnen, und gehen über den Burgberg, dessen geöffnetes Restaurant keine angenehme Atmosphäre vorweist auf einen Grenzpfad, der am Ortsende von Seifhennersdorf wieder bewohntes Gebiet erreicht. An Postamt, Bahnhof, Bechsteinwerk, Kirche und Rathaus vorbei, gehen wir längst des Friedhofs auf den weiten Feldweg, der über den Kaltbach zum Volksbad am Silberteich und der Napola Kiez Querxenland führt. Hier hat das Ministerium für Unfug und Schnickschnack des Freistaates Sachsen viel Geld in ein aufgeblähtes Kindererholungszentrum gesteckt. Als müssten sich heute die Kinder, sofern vorhanden und entstanden, von ihren Eltern erholen und nicht umgekehrt. Im Neugersdorfer Stadtwald sehen wir ein Reh ungestört äsen. Es zeigt sich von unserer Gegenwart keiner Weise beeindruckt.
Da wir Neugersdorf noch über eine Stunde Zeit haben, bestellen wir uns in der alpenländischen Wirtschaft Im Stadel heiße Schokolade und Käsespätzle. Dann geht es die endlos lange Hauptstraße hinunter zum Haltepunkt. Neugersdorf bleibt die schrecklich hybride Dorfstadt, zusammenhanglos von langen Straßen durchschnitten, wie ich es von vor 30 Jahren in Erinnerung behalten hatte. Der Zug bringt uns umstiegslos nach Dresden-Neustadt. Nach dem anfänglichen Getänzel vermochten wir nun doch noch ein paar Schritte zurückzulegen, teils mit hoffnungsvollen blauen Durchblicken im Gewölk zu unseren Häuptern und fein dosierter Sonneneinstrahlung. Ein Durchbruch blieb aus, wie wir ihn bei der letzten Wanderung erlebten.
Von Ober Politz nach Auscha
15. Februar 2026
Mit kurzer Einkehr in der Bodenbacher Bahnhofsrestauration geht es mit dem Reichenberger Schnellzug über Bensen nach Böhmisch Leipa, von wo wir mit dem Bummelzug auf der Strecke wieder einige Haltestellen zurückfahren bis Ober Politz. Wir wechseln das Flussufer und beschauen die Wallfahrtskirche Maria Heimsuchung, zugleich über Jahrzehnte der Wirkungsort des infulierten Erzdechanten Wenzel Hocke, der ein ebenso eigensinnig volkstümlicher Kauz wie gewissenhafter Sachwalter der ihm anvertrauten geistlichen Obliegenheiten war.
Das 1908 eingeweihte Denkmal befindet sich immer noch seitlich des Aufgangs zum Glockenturm durch den man den im Auftrag der letzten sächsisch-lauenburgischen Herzogin Anna Maria Franziska von den Broggios erbauten Komplex betritt. Die mittelprächtigen Barockbaumeister zeichnen auch für das Kloster Osseg und die bischöfliche Residenz in Leitmeritz. Die Wallfahrt in Politz geht schon auf den Beginn des 16. Jahrhunderts zurück, als das Polzenhochwasser eine Marienstatue anspülte. Obwohl Politz noch besetzt ist blieb uns der Eingang unter dem sächsischen Wappen in die Kirche zur verehrten Frau verwehrt, die dort in wechselnden Gewändern hinter einer Glasscheibe in einer Altarnische den Andächtigen dargeboten wird.
Wir liefen durch den Wald und dann einen eindrucksvoll Höhenweg am Rabenberg, machten einen Abstecher zum Wasserfall, den wir vor zwei Jahren rechts liegen ließen. Der Zugang zur unteren Kaskade blieb uns wegen der Vereisung des Hangweges verwehrt. Dann liefen wir weiter über die Felder und da gegen vier tatsächlich die Sonne durchbrach entschlossen wir uns nicht durch den Wald nach Lewin sondern stattdessen die Straße durch offenes Land und mit Weitblick nach Auscha zu gehen.
Die in Aussicht gestellte Brauerei mit Ausschank und fantastischer Außenterrasse auf dem Gelände eines Agrarbetriebs blieb uns verschlossen. Hinter dem Dorf ließen wir uns von einem freundlichen Kraftfahrer bis vor das uns letztens in der Stadt empfohlene Hotel Ratschek bei Auscha mitnehmen, wo wir wohlfeil und köstlich speisten. Ausgeschenkt wurde das ausgezeichnete Heiliger-Stephans-Bräu der Bischöflich Leitmeritzer Brauerei, das geschmacklich mindest ebenso gut ausgewogen wie Pilsner Urquell ist. In der Dunkelheit liefen wir dann zum Bahnhof, wärmten uns einige Minuten noch die Knochen am Ofen in Lenis Wirtschaft im Bahnhofsgebäude und dann ging es, diesmal ohne Anschlussfehler in Schandau rasch nach Hause.
Von Graber nach Auscha
31. Januar 2026
Das erste Mal hat der Anstifter frühmorgendlicher Streifzüge verschlafen. Der Wecker kingelte aber beim zweiten Blick vom Kopfkissen darauf zeigte er schon fünf Minuten vor Abfahrt der Bahn. Nun musste alles ganz schnell gehen. Zwei Gefährten konnten fernmündlich beim Überstreifen der Beinkleider kontaktiert werden, die dritte Gefährtin war leider nicht erreichbar und kehrte um.
Zu dritt fanden wir uns am Hauptbahnhof zusammen und der Umsicht des Debütanten in unsrem Kreis war es zu verdanken, dass wir einen nicht abgestimmten Ersatzverkehrsbus von Schandau nach Bodenbach erreichten und somit trotz einer halben Stunde Verspätung uns ab dort wieder dem Fahrplan synchronisiert hatten.
Nebel empfing uns in Graber. Der Ronberg verschwamm darin, so dass wir von einer Besteigung Abstand nahmen, dafür aber hinter dem Meierhof Strann, absurderweise an den Hängen herumkraxelten, um Felsüberhänge zu gelegentlicher Übernachtung zu sondieren, nach einem weiten Bogen ins Tal rasteten wir in der pittoresken Zigeunerhöhle / Cikánská jeskyně auf eine Zigarettenlänge einen auf Hartspiritus frisch gebrauten Türkenkaffee und einen albanischen Palinka.
Dann ging es weiter über Skalken und die Helfenburg nach Auscha. So reizend das Städtchen ist, war doch keine Restauration zu finden. Nur ortsauswärts wurde uns eine Hotelgastronomie ans Herz gelegt. Wir steigen hinab zum Bahnhof, wo uns dann allerdings unter hoher Decke eine besonders zünftige Wirtschaft erwartete. Zwar ohne warme Küche, nur mit Hermelin, Sülze, Ertrunkenem und gebratner Wurst. Aber guter Ort mit gutem Besatz.
Am Nachbartisch eine Gruppe Landsleute, die bei Skalken in der Felshöhlung übernachteten und Lenka, die wir lieber mit vollem Namen als Magdalena wahrnehmen wollen und die sich resolut Geltung zu verschaffen wusste gegenüber einem pudelbemützten einheimischen Wichtigtuer.
Kreckwitzer Höhe
17. Januar 2026
Im Bahnhof Neustadt fahren wir für die Jahreszeit zeitig los nach Bautzen. Im Zug vermischen wir uns beinahe mit einer großen Wandergruppe aus Radeberg. Einige der legendären Langstreckenwanderer kennenmehrtägigen Route von Lichtenhain zur Schneekoppe im Jahr 2004, aus der ich mit schweren Gepäck nach 88 Kilometern kaum ununterbrochenen Marsches und morgendlicher Kleisbesteigung an der Burg Mühlstein zusammensackte und heimfuhr. Diesmal fahren sie nach Reichenberg um von dort bis Görlitz zu laufen. Gut zwei Dutzend wackere Leute. Wir steigen zu sechst vor dem Bautzener Bahnhof in den Bus nach Mücka und fahren bis Malschwitz, wo uns der geschlossene Gasthof zum Wassermann betrübt und der geöffnete Lebensmittelhändler Gerber mit seiner Sortimentbreite, im Hintergrund der Ladenräume erblicken wir das, was im Reich Weißzeug und in der DDR Untertrikotagen genannt wurde in reinlichen Quadern in Fächern gestapelt.
An einem Haus auf dem Weg zum Straßenteich ist ein Mann mit einer Ballonmütze damit beschäftigt etwas zusammen zu harken. Die gewaltige Birke vor dem Haus des Klempners wird zum Anlass seiner erzählungen, von denen wir uns fast losreißen müssen, um voranzukommen. In Pließkowitz steigen wir hinan über den Cammenzberg zum Steinbruch am Lindenberg. Eine Obstwiese zieht sich bis zur Abbruchkante. Wir besuchen den eindrucksvoll geformten Teufelsstein, mutmaßlich ein vorchristlicher Kultort. In einem Stein sind schalenartige Vertiefungen anzutreffen. Die bizarre Anordnung der natürlichen Klippen läßt auf Bearbeitung von Menschenhand schließen. Dadurch, das dieser besondere Ort am Rande der großen Industrieanlage, die der Steinbruch noch darstellt verborgen ist, bleibt sein Geheimnis gewahrt. Detaillierte Erläuterungstafeln verwirren mehr als sie aufklären können.
Im spitzen Winkel laufen wir um den Steinbruch und an der anderen Längsseite zurück auf den markierten Weg, welcher uns an den Kreckwitzer Höhen oberhalb des Feldes der Schlacht bei Bautzen oder bei Wurschen, wie die Franzosen vorziehen zu sagen, entlangführt. Am Blücherstein legen wir eine kleine Rast ein. Auf Hartspiritus wird frischer Kaffee gebrüht. Wir überqueren die Autobahn und gelangen nach Kreckwitz, das von einem gewaltigen Herrenhaus überragt wird. Durch dessen Anlage finden wir einen schönen Weg, fragen uns durch, und gelangen über die Wiesen lämgs der Autobahn nach Basankewitz und weiter nach Niederkaina und damit in einen der grausigsten Orte einer anderen Schlacht bei Bautzen. Die Russen hatten hier im April 1945 zweihundert Volksturmmänner gefangen genommen und in einer Scheune untergebracht. Das deutsche Panzer die Stadt Bautzen zurückerobern wird ihnen zum Verhängnis.
Das Nachrichtenblatt der Panzerarmee „Raupe und Rad“ berichtet am 5. Mai 1945: „Um sich der Gefangenen zu entledigen, steckten die Sowjets die mit Stroh gefüllte Scheune ... an allen Seiten an ... Einige Volkssturmmänner, die im letzten Augenblick versuchten, sich durch die kleine Tür im Scheunentor zu retten, wurden durch MG-Garben umgelegt ...“. Niederkaina ist zu diesem Zeitpunkt fast leer gefegt und evakuiert. Lediglich der Schäfer Lehmann bringt seine Herde gerade nach Hause. …"
Was mir der Malerfreund Harald Metzkes vor neun Jahren berichtete über seine Bautzner Jahre, insbesondere eine Niederkainaer Kinderfreundschaft, hatte ich in der ersten Ausgabe des Magazins CATO wiedergegeben: "Die solitäre Stellung von Harald Metzkes während der vierzig Jahre von 1949 bis 1989 beruhte vielleicht auch ein wenig auf der ungewöhnlichen Herkunft seiner Familie. Diese war weder mitteldeutschen Ursprungs, noch wurde sie aus dem Osten vertrieben. Die Mutter war Kölnerin, der Vater kam aus Neuwied. Er studierte in Marburg bei einer Koryphäe der Hals-Nasen-Ohren-Medizin, Professor Walther Uffenorde. Der empfahl seinem Schüler, im ostsächsischen Bautzen ansässig zu werden. Auf dem Lausitzer Granitsporn, von östlichen Winden umweht, würde kein Mangel an Patienten sein. So beziehen die Rheinländer eine Villa am Stadtrand von Bautzen. Hier werden 1926 und 1929 die Söhne Achim und Harald geboren. Auf dem nahegelegenen Schloß Niederkaina wohnt der Major Loebenstein, Garde-Ulan und vormals Page am kaiserlichen Hof. Die Arztsöhne tummeln sich in den Ställen um den herrschaftlichen Kutscher Kaspar. Sie stromern mit dem jungen Baron Guido durch die Gegend. Der Major siegt 1939 mit der Panzerwaffe in Polen mit. Einige Zeit darauf wird ruchbar, daß die Loebensteins noch 1803 dort als Pferdehändler wirkten. Der Ahn hatte mitgeholfen, das Königreich Preußen in der Abwehr der französischen Imperialisten beritten zu machen. Dafür wurde der »Pferdejude« zum Baron gemacht. Nun muß er auf dem Niederkainaer Schloß stillehalten, bis die nationalsozialistisch ausgerichteten Ulanenkameraden ihm den Status eines Ehren-Ariers erwirken. Zu Kriegsende setzt er sich nach Argentinien ab. Sein Kutscher Kaspar ist unter den gefangenen Volkssturmleuten, die am 22. April in einer Niederkainaer Scheune lebendig verbrannt werden."
Über das prähistorische Urnenfeld am Schafberg, den Ziegelei- und Steibruchteichen bei Nadelwitz erreichen wir die Löbauer Straße am Stadtrand Bautzens. Diese verfolgen wir im raschen Schritt und an der Fichtestraße teilen wir uns in zwei Trios auf, deren eines rasch zum Bahnhof zustrebt, während das andere sich vom freundlichen afghanischen Kellner alle Sorten des Bautzner Brauhauses kredenzen lässt. Nur weil ein größere Gesellschaft, die als Trauerfeiern angekündigt wird, eine lange Tafel belegt werden wir bedient.
Eigentlich öffnet das Brauhaus erst gegen fünf. Unsere Wanderfreundin zeigt entsetzt über die würdelose Bekleidung der sonst schönen und geraden Menschen. Selbstverständlich erhebt sie sich, um diese mit ihrem Fehl auf höfliche Weise zu konfrontieren. Dabei stellt sich heraus, dass hier nichts betrauert wird und lediglich der Segelverein seine Mitgliederversammlung abhält. Die mit einem Kompliment garnierte Beanstandung wird mit Heiterkeit und verständnisvoll angenommen. An der Weigangschen Villa vorbei erreichen wir den Stadtring und gehen durch die Grünanlage bis zur Konditorei Marx am Postplatz. Dort lassen wir uns drei Kännchen Kännchen und Tortenstücken kommen. Nach dieser Labung gehen wir die Göschwitzstraße entlang, um abermals festzustellen, dass die Radeberger Bierstube geschlossen ist, diesmal öffnet sie erst am Abend. In der Galerie des Bautzner Kunstvereins ist stickige Luft, frisch sind nur die Aquarelle von Barbara Putbrese. Wir hören die Rede und die Musik begrüßen einige Bekannte, sehen uns die Bilder an und weichen bald, um dem Bahnhof zuzueilen.
Zweites Quirinal der sächsischen Wanderburschen in der Brandenburger Höhle
Silvester 2025
Zwar nur zu zweit aber darum kein bisschen bedeutsamer ereignete sich das zweite Quirinal der Sächsischen Wanderburschen in der Brandenburger Höhle. Wir langten gegen Mittag in Tammühl an, liefen zu Jarmilas Felsen und sahen die Eisläufer und Segelschlittenfahrer auf der Fläche des Hirschberger Sees. Die Bösige sahen wir nicht. Wir begannen den Wintertag mit einem kleines Aprés Ski in der Holzbude am Badestrand mit Kaffee und Tee, dann kauften wir noch etwas flüssiges beim ortstansässigen Indochinesen und durch zunehmenden Schnefall ging es hinauf und hinein in den Wald.
In der Höhle erfreute uns ein guter Holzvorrat, Werkzeug und Kochgeschirr. Wir sägten in dieser Nacht zwei Bäumchen klein und leerten eine Flasche Portwein und eine Flasche 10-jährigen Malvasier Madeira. Das zuvor kleingeschnittene wurde in den Kessel gelegt und bald simmerte das Gulasch. Wir speisten und hörten uns Musik und Rezitationen über die JBL-Box.
Es folgt die Playlist der Silvesterparty 2025
Ivan Mládek Mit Seiner Hexenschuss-Band – Guten Tag! 1983
Lutz Jahoda Und Das Orchester Karel Valdauf* – Grüße Aus Böhmen 1981
Daniel Landa – Večer S Písní Karla Kryla Pro Český Národ 2004
Karel Kryl – Bratříčku, Zavírej Vrátka 1969
Karel Kryl – Rakovina 1969
Gringo Mayer – Ihr Liewe Leit 2023
Mathias Wieman – Spricht Claudius Und Hölderlin 1976
Karl Völker diverse Lieder und Arien
Verdi Ein Maskenball Fritz Busch Köln 1950
Hermann Prey Carl Loewe Der letzte Ritter
Gerhard Hüsch – Schumann "Dichterliebe"
Gerhard Hüsch, Hanns Udo Müller, Franz Schubert – Winterreise
Kurz nach Mitternacht puffte es durch den Wald vom drei Kilometer entfernten Habstein. Nach zwanzig Minuten zog Ruhe ein. Am nächsten Morgen fanden wir die Gefilde nirgendwo verunziert von Sprengzeug. Erst an der Radebeuler Bahnhofstreppe zeigte sich alles verschmaucht und bekrümelt. Die tschechischen Eltern waren am Vormittag mit ihren Kindern bereits im vorübergehenden Schnee am rodeln.
Wir hatten eine warme Nacht bei Außentemperaturen um den Nullpunkt. Bis Mitternacht stieg die Temperatur um zwei Grad bis dahin an. Der durch unser Lagerfeuer stundenland beheizte Felsüberhang strahlte die Wärme ab wie die Schamotte eines Kachelofens. Bei unserem Eintreffen war die Feuerstelle noch warm vom Lager der letzten Nacht.
Auf dem Weg zum Bahnhof stiegen wir noch auf die Felsenburg Habstein und kehrten auf ein Bier in die Holzfällerkneipe am Bahnhof ein, die ab elf schon gut besucht war am Neujahrstag. Auf den Tischen standen noch kleine Gedecke mit Süßigkeiten. Ohne langen Aufenthalt brachte uns der Zug über Rumburg und Schandau nach Hause. Wir bedufteten die öffentlichen Verkehrsmittel und alle darin Reisenden mit unserem beizenden Holzrußgeruch.
Von Scharfenstein bis Thermalbad Wiesenbad
20. Dezember 2025
Kurz vor acht steigen wir zu zweit im Dresdner Hauptbahnhof in den Zug nach Hof, um im Zug unvermutet und doch verhofft auf den dritten Gefährten zu treffen. In Flöha wechseln wir in den Cranzahler Zug, den wir in Scharfenstein verlassen. Städtchen und Burg lassen wir diesmal hinter uns, überqueren die Zschopau und gehen am anderen Ufer oberhalb der Reihen protziger Siedlunghäuser durch den Wald in Richtung Hopfgarten. Wie wir zum dortigen Dorfbach hinabsteigen gelangen wir gerade vor das Schaufenster einer Strumpfwirkerei. Frau Sieber schließt uns auf, führt uns in den engen Werksladen. Wie alberne Teenager lassen wir uns von den Socken mit Anton Günther, Bergmänneln und anderen Brauchtumszierrat zu großen Einkäufen verleiten. Unter dem Motto „Masche der Heimat“ wurde der Betrieb aus Großväterzeit für die neue Zeit aufgerüstet. Nach gehabten Einkauf werden wir in die Halle geführt, wo die 23 Maschinen aus Bergamo schon für die Festtage verwahrt sind. Wir lassen uns alles erklären und fragen viel nach. Sieben Minuten dauert es bis die Maschine einen „Socksch“ fertig gestellt hat. Jede der Maschinen schafft in einer Schicht 60 Paar Socken. Selten sind alle ausgelastet. Ab einer bestimmten Anzahl werden Aufträge dekorativer Sonderanfertigung entgegengenommen. Eingekauft werden kann über einen Webshop www.socken-erzgebirge.de
Wir verabschieden uns und ziehen weiter durch den Wald und wieder hinab ins Tal. Gehen über die alte Steinbrücke, die zum Kalkwerk Heidelbach führte und steigen in die Wolkensteiner Schweiz. Da wir gut in der Zeit liegen, wollen wir in Wolkenstein einkehren und avisieren uns darum im Restaurant zum Schlossberg. Kein Problem, drei Leute kann er noch beköstigen, sofern diese bar bezahlen und keine Tiere in die Gaststube bringen, sagt Heiko am Telefon. Mit der Aussicht auf gute Einkehr steigen wir beruhigt auf die Brückenklippe. Das Haus, in dem wir absteigen, wurde am 14. Februar 1945 bombardiert. Der korpulente Wirt heißt uns willkommen. Die feinen Speisen werden von ihm mit einer meterlangen Pfeffermühle berieselt. Zum Essen lassen wir uns einen Weißwein von Jan Ulrich einschenken. Die fünf Tische um uns herum haben sich nach und nach gefüllt. Zugewandt und unaufgeregt streicht der Wirt zwischen den Gästen, der Theke und der Küche hin und her. Die Dessertcreme wird minutenlang vor unseren Augen abgeflammt. Der schwarze Mokka taucht elegant dezent während der Süßspeise auf.
Angenehm gestärkt und nicht völlig geplündert treten wir vor die Tür laufen über den Marktplatz stadtauswärts. Über Obstwiesen hinweg blicken wir in der Ferne auf den Pöhlberg und den Scheibenberg, zwei der drei Zeugenberge, die wir diesen Sommer erwandert hatten. Nach einer guten Stunde liegt das Anwesen der Himmelmühle vor uns. Unentwegt ausgesendete Pressemitteilung der Chemnitzer Galerie Oben kündeten von Aktivitäten im dortigen Herrenhaus. Nun locken sie uns mit der Verheißung einer Mettenschicht. Doch wir blasierten Städter bekommen nichts von den Erzgebirgern vorgehüpft. Frau Lahl knüpft uns erst einmal fünf Euro pro Person ab, ehe wir in die eisigkalten Innenräume treten, wo es Fettschnittchen, miserablen Discounter-Stollen, Kaffee, Tee, Uri in Flaschen und Glühwein aus dem Kübel gibt. Dazu flackert auf einem Riesen Bildschirm ein gefilmtes Feuer. Vor den Fenstern stehen Kerzen. Das Glas ist von außen beschlagen. Schlecht beleuchtete mittelgute Gemälde, Plastik und Keramik stehen in den Räumen verteilt. Mir wird die Höflichkeit und die ernsthafte Bemühungen an diesem Ziel doch noch irgendetwas zu entdecken, zum Verhängnis, indem mich zwei Tage danach eine Erkältung befällt und während der Feiertage ins Bett wirft.
Bald brechen wir wieder auf und gehen in Richtung des Bahnhofs. Zwanzig Minuten bleiben uns noch, um in den Kurpark zu gehen und uns vom Mädel hinter der Theke etwas von dem Wiesenbader Heilwasser in ein Glas zapfen zu lassen, dann geht es mit dem Zug über Flöha wieder zurück nach Dresden. Der knappe Anschluss bänglich erwartet und wie immer gelungen.
Cunewalde, Czorneboh und Bautzen
14. Dezember 2025
Bereits ab Schiebock sind wir zu sechst, steigen wir in Löbau aus und warten auf den Bus, der wieder zurück nach Bautzen fährt, um ins Cunewalder Tal zu gelangen. Als ich vor dreißig Jahren zum ersten Mal auf den Spuren des großen sächsischen Erzählers Wilhelm von Polenz unterwegs war konnte ich noch von Bautzen die Eisenbahn über Großpostwitz und Halbendorf nehmen. Diese jüngste Eisenbahnstrecke Sachsens wurde erst 1928 eröffnet (und bereits 1998 wieder eingestellt, so dass es nun nicht mehr möglich ist die Freunde in Halbendorf und Klein-Dehsa mit der Eisenbahn zu besuchen). Wir entsteigen dem Bus an der Haltestelle Polenzpark. Das ist die Stelle an der das nach dem Brand von 1876 durch Julius Curt von Polenz erneuerte und mit einer Parkanlage des Dresdner Hofgärtners Friedrich Bouché erweiterte Schloss unter dunklen Umständen nach 1945 demoliert und abgerissen wurde. Wie tausende von Dorfbewohnern in der sowjetischen Besatzungsgebiet haben sich auch die Cunewalder an ihren Wohltätern damals versündigt und diese nicht zu beschönigende Tatsache liegt düster über dem Tal, wie wir es schon um die Schlösser Seerhausen und Dahlen spürten und bestätigt bekamen. Wilhelm Bölsche, der Freund von Wilhelm von Polenz, schrieb diesem Verwüsteten zu: „Ein altes Schoß mit soviel Individualzügen der Geschichte, daß man es unter eine Glasglocke in ein Museum stellen möchte.“
Hier erblickte am 14. Januar 1861 der Schriftsteller Wilhelm von Polenz das Licht der Welt. Das wiedererstandene Sachsen ist seinem großen Sohn einiges an Dank schuldig geblieben, wozu an anderer Stelle ausführlich noch die Rede sein soll. Nur so viel: Der Sohn ist der Heimat treuer geblieben als deren Bewohner seinem Vater und der Enkel lebt noch heute in Bautzen. Im Jahr 2017 fand die Mitgliederversammlung des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz in Cunewalde statt, ohne dass des sozusagen geistigen Gastgeber in irgendeiner Form Erwähnung getan worden wäre. Ähnlich wie bei anderen Persönlichkeiten der Heimatschutz-Bewegung, als da wären Otto Eduard Schmidt und Friedrich Emil Krauß wäre es gerade die Aufgabe des Vereins die absolute Verdienste dieser großen Männer von den zeitgebundenen Akzidenzien zu lösen, nicht zuletzt, um sich damit selbst die Ehre zu erweisen. Doch das erfordert den Mut und die Unternehmungslust, die bislang nicht aufgebracht wird, und die wir uns für die nächsten Jahrzehnte zusammen mit einer deutlichen Verjüngung des Vereinslebens wünschen wollen.
Diese harschen Worte konstruktiver Kritik rechtfertigen sich beispielhaft durch die Tatsache, dass ein bedeutender Mann wie der Inhaber des Lusatia-Verlags, Dr. Frank Stübner (1954-2017) der für die Linke im Bautzner Kreistag gesessen, sich immer vorbehaltlos und mit Augenmaß (und zwei aufwendigen Publikationen) für den großen Sohn Sachsens und der Oberlausitz eingesetzt hat, während ein von CDU-Lurchigkeit geprägtes Milieu um den Landesverein ohne Mühe flache Heimattümelei, stupide Schmalspur-Fachlichkeit und zeitgeistige Konturlosigkeit unter einen fadenscheinigen Hut bringt. Warum ist das so. Die Antwort ist oben gegeben: Es fehlt offenbar bislang an bedeutenden Männern und Frauen, wirklichen Persönlichkeiten, die ohne ideologische Scheuklappen und frei von subventionsbedingten Verlustängsten darstellen wollen, was ist. Amen.
Im Sommer 1998 konnten wir während einer spontanen Durchreise durch Cunewalde noch den Heimatforscher Herbert Kutschke (1923-2008) Vorsitzender der Ortsgruppe Cunewalder Tal des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz herausklingeln, der uns vieles zu erzählen wußte, was ich bedauerlicherweise damals nicht aufzeichnete. Wenden wir uns nun verschämt von den Kennzeichen dieser Selbsterniedrigung ab und dem weiteren Verlauf unseres Streifzuges zu:
Wir laufen oberhalb der Hauptstraße die Wilhelm-von-Polenz-Straße würdigen am Kindergarten Wichtelland die flechtenüberzogene Betongussskulptur der drei tanzenden Kinder kommen vorbei an der Wilhelm-von-Polenz-Oberschule, nehmen die Czornebohsraße hinauf zu dem Berg, der vor der spätromantischen Slawen-Mystifikation einfach der Schleifberg hieß. Dort haben wir eine Stunde Zeit, bis der Gefährte aus Halbendorf zu uns stößt. Im Berggasthof finden wir alle Tische besetzt aber sehr freundliche und zugewandte Kellnerinnen, deren eine als zugereiste Berlinerin uns schon von der letzten Einkehr hier bekannt ist. Das erste Halbe aus der Cunewalder Pro-Bier-Brauerei trinken wir am Stehtisch im Freien, um danach die Wärme der Gaststube vor der Theke umso köstlicher zu empfinden. Der Versuch, eine Buntstiftskizze der wirbelnden Kellnerinnen zu anzufertigen, wird in diesen Wirbel hineingezogen. Sehr gut ist das Goldene gelungen und vor allem das Weizenbier wird gerühmt, eigenartig langweilig ist das Pale Ale geraten, der effektvolle Zitrushopfen ringelkt sich um eine schal-wässrige Unterlage. Die Obstbrände, bei denen zwischen Zwetschge und Pflaume unterschieden wird, wärmen und laben uns zusätzlich. Dann geht es zu siebt weiter. Im Abgang bemerken wir zum ersten Mal die ausgehauenen Inschrift an der Gasthoffassade und können diese ohne weitere Nachfrage sogleich deuten als Hinweis auf den Besuch SKH Friedrich August III. Dieser Umstand regt an zu einer spontanen Lesung des Brecht-Gedichtes „Die unbesiegliche Inschrift“. Die finale Konsequenz des lapidaren Pathos des schwabenbaierischen DDR-d´Annunzio verwerfen wir lieber. Da wir mit dem Gasthof sehr zufrieden sind und seine Mauern mitnichten eingerissen wissen wollen. Aus Streifzügen in den Zeiten der Seuchen-Simulation ist uns noch bekannt, dass das Cunewalder Tal von guten Wirtschaften bewacht wird. Wir nehmen uns vor, uns demnächst bei der Wirtin auf dem Bieleboh von dieser Tatsache ein weiteres Mal zu überzeugen.
Über Rachlau steigen wir ab. Bald schon sind am Horizont die Türme der Altstadt wie auf einem Merian-Stich gereiht zu erblicken. An Rabitz vorbei berührt unser Weg einen geologischen Lehrpfad des Landesvereins, führt an der Schulsternwarte vorbei und dem alten Wasserwerk und an einer endlos monotonen Gärtnerei entlang bei Strehla in die Stadt hinein. Die früheren Kasernen werden gerade - richtig geraten- zum Finanzamt ertüchtigt. Eine Wehrdienstreklame ist gleichwohl auf den Zaun montiert. Wir kehren im Alten Bierhof ein und letztlich berührt uns der Weihnachtsmarkt der Schüler und Pennäler auf dem Postplatz uns tiefer als der vielgerühmte Wenzelsmarkt am Dom. Von Mädels des Sorbengymnasiums bekommen wohlfeil wir dicke Plinsen mit Zimtzucker. Beim Jungvolk vom Melanchtongymnasium erwerben wir zum Aufpreis ein Sechserpack Kleinflaschen von Frenzel-Bräu zur Unterstützung des Abiturientenballs mit dem Versprechen das Geld nur zum Feiern und für Leichtsinn auszugeben und keinesfalls für Lernhilfen und Schulisches. Der Nachfrage, ob sie sich so sicher wären, das Abitur auch zu bestehen, begegneten die Fräuleins mit unerschütterbarer Siegesgewissheit. Das Senf-Honig-Bier beispielsweise schmeckt viel besser als zu befürchten stand. Die Verkostung des Rauchbiers steht noch aus. Der Zug bringt uns pünktlich und rasch nach Dresden.
Durchs Tal der Kleinen Triebisch
30. November 2025
Wir lassen in Radebeul Ost einen eindrucksvollen Sonnenaufgang hinter uns während wir zu dritt mit dem von Trachau her zu uns stoßenden Wanderfreund bis zur Endhaltestelle der S-Bahn in Meißen-Triebischtal fahren. Am Lerchaer Hang laufen wir längs der Triebisch unter dem Zuckerhut lang und gehen am Galgenberg hinauf nach Polenz, dem Ursprungsort der Adelsgeschlechts, aus dem Wilhelm von Polenz hervorging, sitzend in Obercunewalde in der Oberlausitz, ein bedeutender Schriftsteller und wahrhaft adeliger Mensch. Vor dem Herrenhaus und der gegenüberliegenden Kirche steigen wir den Eselsweg hinab ins Triebischtal.
Vor Jahren kehrten wir in der Helmmühle noch ein. Es scheint zwar alles in gutem Zustand aber verwaist zu sein. Hinter der Mühle ist dafür ein Picknickplatz am Holzschuppen des alten Haltepunktes der Schmalspurbahn Wilsdruff–Döbeln-Gärtitz. Immer wieder begegnen wir fortan Brückenresten, Rampen und Dämmen jener Bahnstrecke. Unser Weg entspricht tatsächlich in seinem Verlauf weitgehend dem Streckenabschnitt von Meißen nach Wilsdruff und wird an der Bushaltestelle nahe dem Wilsdruffer Bahnhof enden. Neben Taubenheim laufen wir an der Triebisch entlang. Über uns ragt wie die Ordensburg von Neidenburg das Taubenheimer Schloss auf. Wie die Helmmühle ist sie menschenleer.
Hinter Taubenheim kommen wir etwas vom Wege ab, indem wir eine Brücke zu nehmen verpassen. Die Gefährtin setzt an einer günstigen Stelle mit einem unbeobachteten Sprung über die kleine Triebisch, die so klein hier gar nicht ist. Wir zwei zurückbleibenden Wanderburschen gehen an den Mäandern des Flüsschens über weite Wiesen, an Rinderweiden entlang, bis uns bei Lampersdorf ein Brückchen das andere Ufer erreichen. Auf der Brüstung der Brücke erwarten die Nachkommende um gemeinsam mit ihr den Weg nach Sora fortzusetzen.
Wir begegneten keiner Einkehrmöglichkeit und unsere Fantasie kreist inzwischen unbändig um den Kaffeetrunk. Da erblicken wir am Gartentor eines kleinen, neugebauten Hauses auf der Dorfstraße in Sora eine kleine Gesellschaft einem heißen Getränk zusprechen. Zwar ist es Glühwein aber doch die Rettung nahe. Sie grüßen uns neugierig zugewandt. Wir gehen natürlich darauf ein und binnen kurzem hat jeder eine Tasse mit dampfenden Kaffee in der Hand und den Geschmack des köstlich bitterem Getränkes auf der Zunge. Auf Wunsch unseres Spezialisten absolviert die Maschine sogar ihr Debüt in der Espresso-Bereitung. Dazu führen wir gute Gespräche. Ohne jedes Misstrauen wird über Erfahrungen und Ansichten geplaudert.
Wir wenden uns weiter und gehen hinauf an der Dorfschule vorbei zur großen Soraer Kirche, die von alten Grabsteinen umgeben ist. Der Gottesacker ist ein schöner und friedvoller Ort, der sich auf einem kleinen Hügel oberhalb des Dorfes erhebt. Die schlichten Stelen der Grabmäler aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert werden seit knapp zehn Jahren ergänzt von einer besonderen Sehenswürdigkeit der zeitgenössischen Sepulkralkultur. Zur Erklärung sei etwas ausgeholt: Seit dem Triebischtal begleitet uns das Bauunternehmen Uwe Riße, indem wir vor verschiedenen Häusern Autos mit der Aufschrift dieser Firma erblickten. An der Mauer des Friedhofs steht vor einem Wandgrab jener Bauernfamilie, der besagter Herr Riße entsproß, ein aus weißem Marmor gefertigtes lebensgroße Standbild. Kitsch ist ein noch dümmeres Wort, als die Sache, die damit meist nur unzureichend gekennzeichnet ist. Dieses schlechte Wort wird allzu oft unbedacht und unzutreffend ausgesprochen. Viel besser wäre der Sachstand als süßliche Abgeschmackheit gefasst. Diese ist der Figur der Jungfrau eigen, die aus einem steril aussehenden Marmorblock gepellt wurde, der keine Ader aufweist. Solcher makelloser Stein ist teuer aber sinnlos.
Die darin dargestellte Tochter des Unternehmerpaares wurde von zwei gierigen Trotteln erst entführt, und schließlich in einem Vertuschungsmord ums Leben gebracht. Den Leichnam des Mädchens verscharrten sie. Das ist übel genug. Doch darauf folgte dann eine monatelange Berichterstattung. Vulgäre Traurigkeit legte sich über das Miltitzer Ländchen. Es wurde fortan Genugtuung für ein grausliches Unglück in kaum erträglicher Dosis organisiert. Stille Trauer dröhnte über dem Meißner Umland wie ein Posaunenchor von Jericho. Das geschmacklose Standbild aus der Hand eines Gestalters der Meißner Porzellanmanufaktur ist der gestaltgewordene Ausdruck dieser oligarchenhaften Untröstlichkeit. Die Porzelliner haben noch ein zweites Denkmal in Sora hinterlassen. Gleichfalls lebensgroß steht da eine junge Bäuerin auf der Wiese. Sie wurde nach einer Restaurierung im Jahre 2009 in einem Glaskasten geborgen. Die von der Künstlerin Elfriede Reichel-Drechsel gestaltete Figur wurde als Patenschaftsgeschenk der Porzellanmanufaktur Meissen der LPG Sora übergeben. Wir gehen hinab zum Sorabach und sehen uns dem namentlich bezeichneten Firmensitz von Uwe Riße gegenüber.
Über Klipphausen, durch den Flachsgrund und Fürstenbusch gehen wir unter der Autobahn hindurch nach Wilsdruff, wo wir am Markt im Café zum Adler von einem so charismatischen, wie fülligen jungen Kellner bedient werden. Wir versäumen nicht, ihm ein Kompliment auszusprechen, für seine gewitzte Art. Über den Weihnachtsmarkt schlendern wir die Freiberger Straße hinab bis zur ehemaligen Gaststätte Sachsen-Quelle, wo der Arthur-Kühne-Verein eine adventliche Handarbeits-Ausstellung vorzeigt. Wir schauen uns kurz um und warten dann auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf den Kraftomnibus, der uns nach Gobitz bringt, von wo wir im den Bus nach Klotzsche bis Dresden Trachau fahren.
Böhmischer Herbst-Ding in Kukus
Kuckusbad
31. Oktober 2025
Auf der Anreise fahren wir in Turnau von der Schnellstraße herunter, um den jüdischen Friedhof auszusuchen, der auf beklemmende Weise just von dieser Schnellstraße überspannt wird. Hier wird der Anspruch ewiger Ruhe der Toten auf eindrückliche Weise von der Tatsache unablässiger Ruhelosigkeit der zufällig noch Lebenden durchkreuzt. Durch manche böhmische Kleinstadt auf welche die Maxime – Kennst du eine, kennst du alle – ihre Anwendung finden kann, gelangten wir bis Königinhof, wo uns kurz vorm Ziel eine Straßenbaustelle aufhält, ehe bei Prode / Brod die Elbe überqueren und in einer Spitzkehre über Schlotten /Slotov das Hospital Kukus erreichen. Entgegen der Ankündigung wird unser Ankunftstag in Kukus von einer ungehemmten Sonne überstrahlt.
Bis gegen 13:30 sind die meisten von uns am Parkplatz des Hospitals Kukus eingetroffen. Ein vollbesetzter Wagen ist bereits vor uns angelangt. Einer stößt nach einem Studientag im Lesesaal der Universitätsbibliothek mit dem Kraftomnibus aus Prag zu uns. Im Gepäck hat er eine über das Netz bestellte 1933 von Jakub Deml in Altreisch herausgegebene bibliophile Broschüre mit Bezug zu Kukus abgeholt. Weitere Teilnehmer stellen sich nach und nach ein, ein Paar wird Kraft der Autorität des Namens unseres Ciceronen Milan Horák von einem von dessen jungen Kollegen mit bizarr verzwirbelten Schnurrbartenden zu uns geleitet, die wir gerade mit der Führung angefangen haben. Der mitgebrachte Kranz wurde zuvor an der Kasse deponiert. Er findet sich am in der Sporckschen Gruft, wo die Besichtigung zu ihrem Ende gelangt, zuverlässig zur Stelle.
Die Befürchtung, ein zur touristischen Vernutzung aufgedonnertes Museum anzutreffen, dessen historische Räume mit beziehungslosen Objekten der Epoche aus dem Fundus ausstaffiert sind, ist rasch zerstreut. Nicht nur ist Aura der Gemälde, Möbel, Fotos und Gegenstände an sich merklich, diese befinden sich hier auch am ursprünglichen Ort und sind selbstredend in vorsichtigen Bezügen zusammengefasst. Porträtbilder der Grafen und deren Angehörigen, darunter der Schädel der Mutter des Grafen Franz Anton, den er aus Frankreich nach Böhmen brachte, ein elegantes Modell der ursprünglichen Anlage von Schloss und Hospital, Fotografien und Zeugnisse der alten Pfründner, die durch die Stiftung begünstigt wurden, die barocke Apotheke des Kukuser Hospitals in der sich wie durch ein Wunder die die dreihundertjährigen Mörser, Waagen und Schränke mit allem Zierrat erhalten haben. Beeindruckend stellt sich auch die Reihe der originalen Sandsteinskulpturen Brauns im einstigen Spitalsgebäude dar.
Durch Nachfragen halten wir das Rädchen der Erzählung am Laufen. Diese Fragen haben sich über zwei Jahrzehnte durch Lektüren und Lokaltermine angestaut und nun ergießen sie sich in eine Kaskade von bedeutenden Zeugnissen. Auf diese Weise gelangten wir nun an viele neue Anregungen, deren Verknüpfungen so verwirrend zahlreich und vielfältig sind, dass ihnen an anderer Stelle nachgegangen werden muss. Schließlich stehen wir in der Gruft. Wie ich mich anschicke ihn an das Fußende von Franz Anton zu lehnen werde ich von Milan Horák ausdrücklich dazu ermuntert den Kranz oben auf den Sarkophag niederzulegen. Dadurch entsteht ein imposantes Bild, zur höheren Ehre der Lebenden wie des Toten. Wir stehen neben der 1996 beigestellten Urne mit den Überresten der Katharina Sweerts-Sporck, die sich am 28. April 1945 hinter dem Hospital vor den Eisenbahnzug geworfen hat. Fassungslos vernehmen wir, dass die sterblichen Reste der Gemahlin des Grafen Franz Anton, Franziska Appollonia zusamt vier weiteren bedeutenden Leichnamen in den 1990er Jahren vom Anthroplogischen Institut der Prager Universität für Untersuchungen der Gruft entnommen wurden und nach Beendigung der Finanzierung des besagten Projektes und bis heute in Prag verblieben sind. Die Millionen, welche in die Ertüchtigung der Anlage gesteckt wurden, sind ganz offensichtlich gut angewendet worden. Dass davon aber nicht ein minderer Teil eingesetzt werden konnte, um die Totenruhe wieder herzustellen, bleibt unbegreiflich oder ist kennzeichnend für die feinfühlige Barbarei unserer Epoche.
Nach zweieinhalb Stunden und auf frostigen Füßen übergeben wir Milan Horák zum Dank einen Dresdner Stollen der Bäckerei Heinze und eine Flasche Wackerbarth-Sekt, zwei zur Epoche der Anlage bezügliche Mitbringsel. Wir gehen in das Restaurant zum Speicher, in dem auch einige von uns ihr Nachtquartier beziehen. Wir speisen nun endlich und können mit Milan Horák noch Stündchen plaudern über ihn und unseren gemeinsamen Freund Roland Rittig. Er berichtet von seinen Sichtung der Polizeiakten über die Vorkommnisse in der Landkommune um Katharina Sweerts-Sporck und Hugo Hertwig bei Itzehoe, die im Schweriner Archiv aufbewahrt werden. Mit 43 Jahren wird der gelernte Lehrer bald zum ersten Mal Vater. Er hatte sich vor Jahren in Kuks für eine Arbeit an der Kasse beworben, wo wir ihm auch heute zuerst begegnet sind und hat sich in den folgenden Jahren immer tiefer in die Geschichten und Geschichte um Sporck und Kukus hineingearbeitet, so das er sich längst Respekt als Archivar des Hospitals verschafft hat. Gern vernehmen wir, dass die unmittelbar nach der Restaurierung durch Berichterstattung kräftig angeschwollenen Besucherzahlen wieder auf eine Zahl die unter der Frequenz davor liegt, zurückgegangen ist. Das Geheimnis um den Ort wird nicht banalisiert. Zurückgegangen sind auch die Reisegruppen aus deutschen Bildungsbürger-Rentner, von denen er vor Jahren noch mehrere in jeder Woche geführt hat, während wir heuer Ende Oktober erst die fünfte deutsche Gruppe im Jahr sind.
Später finden wir uns im Obecní hostinec Kuks auf der Schlossseite ein. Am Tisch gegenüber der Theke sitzt bis zur Schließung der Gaststätte auch der werdende Vater Milan Horák sitzt und scherzt. Wohl weiß er: Wem Gott will rechte Gunst erweisen etc pp. Allzubald weiss er nur noch Sorgen, Etwas unbehaglich ist die lange Tafel in dem kahlen Raum an dessen Ende die Dartspieler ihre Pfeile setzen. Auch zeigt die Küche bei den von uns vorgenommenen Proben eher unterdurchschnittliche Speisen. Wir sitzen dennoch bis zuletzt. Ein richtiges Programm lässt sich hier nicht umsetzen, so bleibt es dabei, dass zur Vertiefung des zuvor Gesehenen etwas Literatur ungezwungen um den Tisch kreist und zuletzt eine kleine Vorlesung aus Jakub Deml Broschüre Ein denkwürdiger Tag in Kukus von 1934 stattfindet. Die Betrachtung des Dichters aus Anlass des Ablebens des Grafen Rudolf von Sporck enthalten eine eindrucksvolle Schilderung der Architektur und Stimmung der Sporckschen Gruft. Als der Krug streben acht Gefährten über die Elbe hangaufwärts ihrem Quartier zu. Wir sieben anderen suchen im Badehaus unser Bett auf. Zwei fahren nach Schurz.
Böhmischer Herbst-Ding in Kukus
Betlehem, Neuwald, Schurz und Stangendorf
1. November 2025
In den frühen Morgenstunden verzaubert eine kalte Herbstsonne den Ort, der genaugenommen nur aus dem linkselbischem Schloss- und Badbezirk ohne Schloss, welches Ende des 19. Jahrhunderts abbrannte, mit einer Gasse von altböhmischen Blockhäusern für die Bedienten und dem auf der rechtselbischen Anhöhe gelegenen Hospital mit Gärten und Friedhof besteht. Von des Grafen Sporcks Gradlitzer Herrschaft aus wurde dieser Abschnitt des Elbtals zum Huberti-Tal umgewidmet und über längere Zeit zu einem großartigen Beispiel von Landschaftsgestaltung ausgebaut. Ein Rundgang vor dem Frühstück präsentiert diese Anlage im Zauber des frischen Tages. Die Elbe führt gerade viel Wasser und strömt hier ostwärts.
Im Laufe des Vormittags trübt es ein und diese Wandlung der Lichtregie hätte kaum günstiger für unser Vorhaben sein können, die kolossalen Gestalten der Heiligen und Eremiten von Betlehem im Neuwald bei Stangendorf und Schurz zu besehen. Nach dem Frühstück sammeln wir uns. Versuche mit Federballschlägern und Bogen einer dem Kuckusbad angemessen zierlichen körperlichen Betätigung zu obliegen bleiben im Larvenstadium. Die Bogenschützen an der Außenmauer des Hospitalbezirks sehen sich von einer nach und nach eintreffenden Hochzeitsgesellschaft irritiert.
Wir brechen gegen halb elf Uhr auf und gehen am Bahnhalt vorbei zum Felsrelief mit der Stigmatisation des Franziskus, neben dem die Quelle den Standort der vom Grafen gestifteten Einsiedelei nachvollziehbar macht. Am Elbufer entlang gehen wir zur Stangendorfer Brücke und suchen die Kapelle der Heiligen Dreifaltigkeit auf, welche aus dem Huberti-Tal hierher versetzt wurde. Dann geht es an der Stangendorfer Mühle, von der wir noch nicht wissen, dass sie zu unserem abendlichen Schicksalort werden wird, wieder über die Brücke zurück. Auf dem Weg zur Eisenbahnunterführung bieten uns einige völlig von Blättern befreite Apfelbäume ihre leuchtenden Früchte dar. Längs der Bahnstrecke wurde auf einer Wiese ein neuer Kreuzweg mit gewaltigen Sandsteinskulpturen errichtet. Wenn diese freilich nicht mit der genialen tänzerischen Morbidität der Braunschen Engel und Heiligen mithalten können, so finden wir sie doch einfallsreich, geschickt und bedeutend gestaltet. Wieder unter der Bahnlinie hindurch, die sich hier im Abstand zu den Orten am Hangsaum über dem Elbtal hinwindet. Bemerkenswert, dass der Sporcksche Gründungsgeist in Kuks und die Landschaftsempfindung der österreichischen Eisenbahningenieure auf der nämlichen Höhenlinie verlaufen. Wir spazieren zunächst hinab zum Schurzer Friedhof, um dann wieder in den Wald zurückzusteigen. Wie just vor unseren Augen auf der Sandsteinwand der Hubertus, umgeben von seinen Jagdhunden vor der Vision seine Arme zur Anbetung breitet, tritt von der Seite kommend ein tschechisches Paar in Begleitung von zwei Weimaranern hinzu. Die ungerührte Schönheit der Kreatur verbindet sich mit der unbezweifelbaren Bedeutsamkeit des Kunstwerkes. Immer wieder erheiternd wirken die Zirkuskamele der drei Magier aus dem Morgenlande auf dem benachbarten Relief mit der Anbetung. Ein Stück abseits im Walde gestikuliert ein torsierter Jakob gegenüber Rahel, deren majestätische Oberpartie sich über den Rand der Brunnenbrüstung biegt. An den liegenden Figuren von Magdalena und Johannes vorbei gelangen wir zum Onofrius und sehen den Garinus aus seiner Höhle kriechen. Nachdem wir dieses heilige und abseitige Volk ausreichend auf uns haben wirken lassen gehen wir wieder hinab und über die Bahnlinie in den Ort Schurz. Wir suchen das Café des früheren Jesuitenkonvents auf, der heute ein geistliches Hospital für multiple Sklerotiker umfasst. Wir trinken Kaffee, Schokolade und Primator-Flaschenbier aus Nachod. Ein Teil unserer Gruppe entscheidet sich mit der Bahn an Kuks vorbei nach Jaromersch und vor allem der Festung Josefstadt zu fahren. Wir anderen laufen am linken Elbufer zurück nach Stangendorf um die dortige Mühlwirtschaft für unsere geselligen Zwecke auszuprobieren.
Wie wir gegen vier Uhr nachmittags zögernd vor dem Eingang des Mühlgebäudes stehen, werden wir von einem bebrillten Schlepper hineinkomplimentiert und als einzige Gäste von einem hochgewachsenen weißbärtigen Eremiten samt einer Frau oder Tochter bewillkommnet. Wir sehen archetypisch den Wiederhall des soeben im Neuwald aus dem Sandstein geformten heiligen Onofrius, dessen kriechende Komplexität den Wald um ihn herum zum Bersten bringt und die weiche Magdalena, die sich wie eine Moosbank über den Boden gebreitet liegt. Natur und Kunst fallen dort in eins, so wie hier in dieser Mühlenwirtschaft Mythos und Notdurft. Rasch stehen die Gläser vor uns, an der langen Tafel sitzt und plaudert es sich weit unbefangener und einvernehmlicher als am gestrigen Abend, wo wir aber voll von dem Gesehenen waren, während wir nun längst selbst zum Anblick geworden sind, der längst untrennbar mit dem Ort und seiner Geschichte verbunden ist. Es war die richtige Intuition, die nahelegte, eine Schleife für den aus Efeu, Buchs und wilder Pflaume gewundenen Kranz für die Sporcksche Gruft zu beauftragen. Es kommen bald noch einheimische Gäste, in unbefangener und unbewusster wilder Eleganz, in perlonglänzenden Leggins die Zedern vom Libanon und der Gefährte den Bullterrier auf dem Arm, dessen kegelförmige Schnauze zum leidenschaftlosen Umrühren der blutigen Därme seines Kampfgegners geeignet ist. Die Josefstädter Exkursionisten gesellen sich zu uns. Das köstliche halbdunkle Polotmavy versiegt, dafür gibt es hochprozentigen Sliwowitz aus der Brennerei Reichenau an der Knieschna am Fuße des Adlergebirges. Die Speisen sind gut, denn Onofrius wurde von der Küche verschluckt, und erscheint nur kurz, um sich Milch für seinen Kaffee zu holen. Magdalena umsorgt uns mit der Geduld und Demut ihrer heiligen Namensbase. Jeder Ansatz, an diesem Abend noch einen Vortrag zur historischen Person und Ort einzuschalten, zerspellt an der gewaltigen Präsenz der unmittelbaren Personen und des genius loci. Doch dann kommen uns dieser selbst und die Intuition zu Hilfe. In Heinrich Benedikts Buch zu Sporck beschäftigt sich ein ganzes Kapitel mit dessen langdauernden Fiskalprozess um die Schwemmung bzw. Flößung des Holzes aus dem Riesengebirge zum Zwecke der königlichen Silberverhüttung in Kuttenberg. Der Transport führte an Sporcks Stangendorfer Mühle vorbei, wo die unverbundenen Stämme Schäden verursachten, warum der Standesherr ihre Entnahme und Verteilung unter seine Hörigen veranlasste. Obzwar die Wirtin auf sachte Nachfrage beteuert, die angeschriebenen Öffnungszeiten zugunsten der Gäste über 22 Uhr hinaus ausdehnen zu wollen, scheint uns in Anbetracht des Zustandes einzelner Zecherein geordneter Aufbruch angemessen. Einige haben sich schon früher verabschiedet. Es ist unterdessen nach zehn Uhr nachts und wir sitzen seit vier Uhr nachmittags hier.
In einem letzten Versuch der Rückbindung des Dramas unseres Hierseins mit Hilfe der drei aristotelischen Einheiten und beginne ich diese versuchsweise in Übereinstimmung zu bringen, durch die Lesung besagten Kapitels zu den Ereignissen, die sich vor dreihundert Jahren an diesem Ort zugetragen haben. Die Wirtin schaut mit Wohlgefallen auf unser inspiriertes Treiben, während meinerseits nach einer halben Seite das Buch weitergereicht wird und der nächste die rechtsterminologische Differenz zwischen den Tatbestand des Flößens und dem des Schwemmens in der Kanzleisprache des frühen XVII. Jahrhunderts auseinandersetzt. So geht es mit wechselnden Vorlesern durch diese Händel, während im Hintergrund an der Theke der eine nach dem anderen seine Rechnung begleicht. Unter Gesang ziehen wir am linken Ufer in Kuks ein und verhalten noch eine Weile auf der Anhöhe vor dem einstigen Gasthof zur Sonne, der lange Jahre und bis vor einigen Jahren als Schule genutzt wurde. Geschlossen, selbstverständlich um jene Uhrzeit aber auch sonst ist die kleine Verkaufsstelle. Einzig das Postamt hat noch Öffnungszeiten. Zwischen David und Goliath singen, plaudern und scherzen wir noch eine Weile, bis wir unseren Betten zustreben.
Böhmischer Herbst-Ding in Kukus
Groß Rohosetz, Zittwerke, König-Ludwig-Kaserne Zittau
2. November 2025
Wir versammeln uns alle im Gastraum der Speichergaststätte zu einem gemeinsamen Frühstück, zu dem wir uns über drei Tafeln verteilen. Meinen dritter Besuch in Kukus dehnte ich um das Osterfest des Jahres 2003 auf eine gute Woche aus, während der 8 großformatige Gouachemalereien vor den lokalen Motiven entstehen. Im Notizbuch habe ich die Umstände der Reise, die Gedanke, welche mich beim Malen befielen und die Arbeitszeiten an den jeweiligen Orten festgehalten. Das Gebäude des Speichers in dem wir frühstücken und teils nächtigen enthielt damals ein nach F. A. Sporck benannte Kunstgalerie. So sehr ich mich auch gegen das naheliegende Sehnsucht, in meinem künstlerischen Streben von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden abzuhärten weiß, so sehr war es doch ein schönes Gedankenspiel besagte Malereien einmal am Ort ihrer Entstehung zu präsentieren. Die Galerie hat sich unterdessen in eine Schänke verwandelt, auf deren Tischen ich nun ganz unprätentiös die bemalten Bögen ausbreite zu einer ambulanten Ausstellung mit einer Dauer von einer guten Viertelstunde. Diese Genugtuung verbindet die beiden Empfindungen des insgeheim Wahrnehmungsbedürfnisses und der offen geübten Bedürfnislosigkeit gegenüber der Achtung durch die Zeitgenossen auf beispielhafte Weise.
Um elf Uhr versammeln sich die Mitglieder des Radobyl / Neidenburg e. V. zu ihrer jährlichen Versammlung, welche ohne besondere Vorkommnisse als ein banales Erfordernis der rechtlichen Verfassung ihres Zusammenwirkens vonstatten geht. Es gibt keine Veränderung in der Zusammensetzung des Vorstands seiner Funktionen. Die eigentliche Vereinstätigkeit vollzog sich in heiterer Einvernehmlichkeit in den zurückliegenden Tagen. Im kommenden Jahr wird die Mitgliederversammlung nicht umhinkommen eine grundlegende Bestimmung der Richtung unserer Betätigung vorzunehmen. Die ambitionierten Exkursionsvorhaben für die Rückreise werden teils übergeleitet in die Absicht, das nächstjährige Herbstding in der altböhmischen Bergstadt Kuttenberg abzuhalten, von dort aus könnten wir müheloser das Ossarium in Sedletz und andere avisierte Begegnungen vornehmen. Wenn sechszehn bis zwanzig Leute zusammenlegen wird es einfach sein, ein kleines Hotel in jener reiseunlustig stimmenden Herbstzeit zwei Tage lang ganz für uns in Anspruch zu nehmen. Unsere fünfköpfige Reisegesellschaft besuht immerhin noch im Nieselregen Schloss und Park Groß Rohosetz bei Turnau, die Zittwerke und die Zittauer König-Ludwig-Kaserne.
Isertafel von Schelakowitz nach Altbunzlau
18. Oktober 2025
Wir entscheiden am Vortag zu Gunsten einer zweieinhalbstündigen Autofahrt gegen eine fünfstündige Bahnfahrt. Am Bahnhof Neustadt quetschen wir uns zu fünft gegen 7:30 Uhr in den Kraftwagen. Da wir die Gelegenheit nutzen, während der Anfahrt an zwei Orten uns umzusehen, sind wir doch erst kurz vor elf am Bahnhof von Brandeis an der Elbe.
Wie schon im Herbst vor acht Jahren halten wir in Staditz am Gedächtnishain für den Ackermann Přemysl, von dem seit Albrechts Eheschließung mit der böhmischen Prinzessin Sidonie auch alle Wettiner abstammen. Auf dem Sockel mit den pathetischen Inschriften der 1840er und 1940er Jahre steht ein Pflug, wie er unmöglich von dem alten Tschechen benutzt werden konnte. Wurden doch die Slawen wohl schon durch Eisen zu Deutschen, aber eben nicht durch das Eisen des Schwertes sondern vielmehr durch das Eisen des Pfluges, dass sie dem Holz vorzogen, wie wir es bei Karl-Heinz Blaschke nachlesen können. Hinter dem Denkmal erstreckt sich das alte Königsfeld, von wo den Pflüger die Libussa heimholte. Um und vor dem Denkmal gedeihen die die Abkömmlinge des Haselsteckens, den der Ackermann dort in die Erde stieß. Seine Zugochsen hoben sich in den Himmel, als er von der Tochter des Richters auf den Thron geführt wurde um König aller Böhmen zu sein. Clemens von Brentano hat die Mythe vorbildlich in seinem Drama „Die Gründung Prags“ gestaltet.
Den zweiten Halt nehmen wir am Kloster Doksany, dessen Innenhöfe wir für die Herstellung eines Spielfilms präpariert finden. Über Raudnitz und Melnik finden wir schließlich nach Brandeis, wo wir das Kraftfahrzeug am Bahnhof zurücklassen, um mit einem unrestaurierten Schienenbus bis Schelakowitz zu fahren.
Dort laufen wir durch die Stadt und zwischen Elbe und Mühlgraben an einem Sportplatz vorbei, wo fein säuberlich an einem Tisch die goldglänzenden Kelche für die Siegerehrung stehen. Hussitische Liturgie verbrämt den Volkssport. Nach einer kleinen Abirrung gelangen wir zu den eindrucksvollen Resten der vom Grafen Sporck an der einstigen Prager Landstraße errichteten Wenzelsklause. anstelle des nicht abreisenden Verkehrs einer belebten Straße braust hier der Zug nach Lisa vorüber. In einer kleinen Kapelle ist das Martyrium des Königs auf einem Relief dargestellt, daneben stehen die gewaltigen Engel in ihren Händen recken sie Schädel, die der einst ewige Lichter fassten.
Durch weite Schneisen, in denen sich Brunnengalerien aneinanderreihen und durch den Auenwald gehen wir nach Karani. Der Ort deutet auf Alt Tschechisch, die Strafen an, die jenen drohen, die sich am rings um gelegenenköniglichen Jagdgebiet vergingen. Bei Karani mündet die Iser in die Elbe. Und von hier aus wird die böhmische Hauptstadt mit Trinkwasser versorgt. Wir versorgen uns in der großen Weinbergsbrauerei des Ortes mit einem kleinen Imbiss zum dort gebraut Bier. Nach dieser Rast überqueren wir die Iser und gehen weiter durch den Auenwald, bis wir an an den behagliche willen, sich das Weichbild der alten Stadt des Borislav angekündigt.
In der dortigen Himmelfahrtskirche findet gerade ein Konzert statt. Wir wenden uns weiter zu Sankt Wenzel, die dessen Schädelreliquie birgt. Zwar ist die Kirche offen, aber nur Vorraum lässt sich betreten. Dahinter eine große, nicht ganz reinliche Glasabtrennung, die den Blick ins Kirchenschiff erlaubt. Nur undeutlich lässt sich das Gitter erkennen, dass die Krypta verschließt. Auf die Figurengruppe mit dem Mord an König Wenzel von der Hand des Bildhauers Matthias Braun, können wir keinen Blick werfen.
Außen an der Kirche ist eine Gedenktafel angebracht, die an den Landes Historiker Balbin erinnert. Außen am Turm ringt ein Erzengel Michael den Teufel nieder. Vor dem Kirchenbezirk ist eine Büste, des vorvorletzten Papstes, des Deutschen, aufgestellt. Wir laufen weiter über die Elbe, deren Kanäle und Inseln, auf deren einer sich eine Fischgaststätte befindet, in die wir einkehren. Unterm Brandiser Schloss treten wir in die Stadt ein und laufen bis zum Bahnhof, von wo wir mit dem Auto den schnellen Weg über die mautpflichtige Straßen nach Hause nehmen, wo wir erschöpft, aber mit guten Eindrücken im Dunkeln anlagen.
Von Kamenz nach Pulsnitz
11. Oktober 2025
Dieses Mal reisen wir kurzentschlossen alle mit dem Kraftwagen an und treffen gegen 8:30 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz von Kamenz zusammen. Zu dritt durchqueren wir die Stadt. Über die Wettergrenze von Bischofswerda sind wir zwar dem Regen entkommen, der an diesem Tag im Dresdner Elbtal vorherrscht. Gleichwohl laufen wir den ganzen Tag unter einer grauen Wolkendecke. Für eine halbe Stunde schiebt uns auch ein feiner Sprühregen ins Gesicht. Die meiste Zeit jedoch verhindert ein leichter Wind das Abregnen der Massen zu unseren Häupten.
Am Rande der Stadt in Hellenthal laufen wir direkt auf eine großartig inszenierte Gedenkinstallation zu. Die Tafeln werden überragt vom einzelstehenden Schornstein Tuchfabrik Noske. Auf deren Gelände etablierte sich in den letzten Kriegsmonaten ein Außenlager mit 1000 Gefangenen zur Rüstungsproduktion, das das zuletzt wie viele andere unterschrecklichen Umständen aufgelöst wurde. Auf dem Weg nach Hennersdorf laufen die Rinder auf einer Weide zusammen und folgen uns drei Wanderern, zutraulich und begehrlich nach Abwechslung an diesem grauen Tag. hinter dem Ort b biegen wir rechts auf die Wiese in der Mitte eine Bizarro Wanderweg Markierung uns entgegen leuchtet am Ortseingang der Gemeinde Haselbachtal fängt uns ein zum Wohnhaus umgebaut Windmühlenturm wie gehen im Haselbachtal die Dorfstraße entlang bis zum Kirchhof von Gersdorf.
An einer Ziegelmauer links neben der Kirche erinnert ein Schild daran, dass hier das Haus gestanden hat, in dem 1703 Justine Salome Feller, die Mutter von Gotthold Ephraim Lessing geboren wurde. Die Kirche selbst brannte nach dem letzten Krieg ab und wurde in neuer Gestalt recht geschmackvoll wieder errichtet. Anstelle eines Dachreiters erhielt sie nun einen großen Kirchturm. Neben dem Kircheneingang erinnert die Tafel an den Handwerker, der nach der Vollendung dieses Baus im Jahr 1953 hier vom Gerüst sich zu Todes stürzte. Der Eingang zu einem Raucher geputzten, einfachen Häuschen wird flankiert von zwei Marmortafeln, deren verbitterte Inschrift schwer zu entziffern ist, aber auf bedeutsame Formulierungen schließen lässt. Noch erhalten ist das Geburtshaus einer anderen Salome rechter Hand neben der Kirche. Hier erblickte die Tochter des Organisten und Schullehrer von Obergersdorf, Caroline Salome, verheiratete Rietschel 1770 das Licht der Welt.
Gersdorf ist der Ort der Mütter und der Sohn der jüngeren der beiden hat dem Sohn der älteren lange nach dessen Ableben in Braunschweig ein schönes Standbild gestaltet, vor dem ich in dieser autogerecht strangulierten Stadt unversehens jüngst beim herumschweifen mit dem Hannoverschen Musikerfreund zu stehen kam. Zudem ist der Bildhauer Ernst Rietschel auch ein Patron der sächsischen Wanderburschen. So schildert er den Gang, den er in Begleitung seines Vaters aus seiner Geburtsstadt Pulsnitz mit einem Nachtlager in Radeberg in die große Residenzstadt Dresden unternahm. Gegenüber der Kirche wird in einem Ehrenhain der Opfer beider Teile des Weltkrieges in wohlgesetzten Worten gedacht.
Nicht weit hinter der Kirche biegen wir für eine Abkürzung rechts ein und laufen ein Stück zwischen Ställen, Garagen, Scheunen und Weiden entlang ehe wir uns auf einem schönen Weg wiederfinden der am Rande des Gemeindebusches entlang führt. Beim Abstecher über die Wiese durchnässen wir unsere Schuhe. So gelangen wir unter Umgehung von Möhrsdorf in Steina an. Dort bleibt einer von uns aus Sorge um sein Knie zurück. Busse fahren hier wochenends nicht. Nicht zuletzt darum wird er rasch von einem Kraftfahrer nach Pulsnitz mitgenommen, wo er den nächsten Zug nach Kamenz im Bäckerei-Café des Einkaufsmarktes abwartet.
Wir zwei führen Unseren Aufstieg auf den Schwedenstein an der Kleinen Kneipe und dem Convinience Store von Bernd Rasche vorbei. Die mit Spannung erwartete Raucherkaschemme ruht in Betriebsferien. Das Interieur des Gasthofes auf dem Schwedenstein ähnelt dem Speisesaal eines Feierabendheims. Atmosphärisch ein toter Ort.
Gleichwohl muss die etwas erstarrte Kellnerin dann doch über sich lachen, als die im Gebinde verkauften würzigen Kuchen mit Traubenmost als Zwiebelweißer abrechnen will. Den Turm zu besteigen lohnt sich bei diesem grauen Himmel nicht. Es fällt uns ein Gedenkstein auf, in den lakonisch die Namen der großen Pulsnitzer im weitesten Sinne gegraben sind: Ziegenbalg, Rietschel, Lessing, Fichte, Kühn. Letzterer war ein bedeutender Landwirtschaftsreformer und begründete die Pflanzenpathologie.
Rasch geht es nun hinunter nach Pulsnitz, wohin soeben unser Gefährte seinen Wagen aus Kamenz überführt hat. Wir verabschieden uns und treten die Heimreise von diesem, eigentlich kann man sagen, Vormittagsspaziergang an.
Vom Schreckenstein nach Großpriesen
5. Oktober 2025
Mit der S-Bahn 7:10 ab Radebeul endet die Reise zunächst. Der 7:45 angekündigte Wanderexpress Bohemica bleibt über eine halbe Stunde aus. Am Bahnsteig treffen wir einen vertrauter Zugbegleiter an, den wir neulich in ein längeres Gespräch gezogen hatten. Er kann die Kunde von ausgefallenen Bremsen in Erfahrung bringen. Die Nervosität steigt mit der nächsten S-Bahn, die in unserer Richtung weiter fährt. Aber wir müssen nicht auf die intendierte Bequemlichkeit verzichten.
Schließlich kommt der Zug doch noch. In Aussig-Schreckenstein / Ústí n.L.-Střekov entsteigen wir dem nicht, allerdings nicht bevor dieser mit geschlossenen Türen noch einige Minuten wenige Schritte vor dem Bahnsteigsanfang stehen geblieben ist. Nur eine halbe Stunde später als geplant können wir über die alte genietete Eisenbahnüberführung in Richtung Burg Schreckenstein steigen. Im Durchgang der Burg, die seit 1990 wieder den Raudnitzer Lobkowitzern gehört hängt die schwarze Granittafel mit dem Hinweis auf die Inspiration zum Tannhäuser, die Richard Wagner hier oben empfangen haben will. Wir trinken ein teures tropisches Morgengetränk zu nervtötender Musik, dafür aber angesichts eines fantastischen Blickes auf das Elbtal, den Vanower Felsen und die gegenüberliegende Hochfläche, die zu betreten eine der nächsten Wanderungen vorbehalten sein wird.
Durch Neudörfel / Nova Ves auf dem Weg zur Hohen Wostrey / Vysoký Ostrý (587) treten wir noch weiteren Ausblicken über das Tal in kleinen Abstechern näher. Auf dem Berg befindet sich ein kleiner steinern untermauerter Altan. Daneben auf dem Schild ein weiterer Hinweis auf Wagners vormalige inspirierte Anwesenheit an diesem Ort. In der Umgebung des kleinen Anwesens Sedlo, möglicherweise ein Forsthaus, kommt uns ein unbetreutes Pony entgegengetrottet, verhält am Wegesrand und lässt uns ruhig vorüberziehen.
Im Dorf Malschen / Malečov hat der Gasthof zu den Kastanien am Sonntag geschlossen. Wir treffen auf Herbstimpressionen der Grundschüler und ein Schild, das zum Wahllokal weist. Unterhalb der Bergflur / Lucemburkův kopec (564) treffen wir auf eine kleine Baude. Auf einer bequemen Eckbank unter dem offenen Vordach nehmen wir Platz, plaudern und verzehren unser Mitgebrachtes. Nach einer ganzen Weile öffnet sich die Tür und Miroslav, ein bärtiger Hüne, bittet uns freundlich ins Innere, wo im Ofen ein Holzfeuer flackert und das Grosspriesener Lagerbier Breznak sehr wohlfeil, die Halbe für 30 Tschechenkronen, ausgeschenkt wird. Miro ist darauf nicht angewiesen. Er arbeitet im sächsischen Coswig im Turbinenwerk und betreibt die Baude als Klub, wie er sagt. Vier Jahre spielte er in Weinböhla Handball. Und ja, er hat eine Handballfigur, wie die langen Kerle aus Fermersleben. Als Skibaude will die Hütte nun schon seit fünf Wintern nicht mehr richtig taugen, trotz Einsatz der Schneekanone.
Nach einer Weile kommt das Gespräch in Fahrt, über Lida Barova und deren Schwester, den anderen talentierten Selbstmörder Karel Svoboda, Vlasta Burian, Jiri Korn und Daniel Landa. Es wird uns ein Aussiger Cognak eingeschenkt, der aufs Haus geht. Dem Höhepunkt steuern wir zu mit dem Bekenntnis zu Jiri Schelinger. Von dem unter sehr bedenklichen Umständen ertrunkene Sänger hängt ein überlebensgroßes Lichtbildporträt über der Theke und er wird hier als Präsident verehrt. Auf dem Habdtelefon werden Lieder vorgespielt. Bloß gut, dass im Hintergrund das Feuer als Anker in die Wirklicheit flackert mit der uns ebenso die zwei Hälften des Weges verklammern, die vor und die hinter uns.
Als dann der von Hans Ledwinka gegen Ferdinand Porsche gewonnene Urheberstreit über die stromlinienförmige Karosse Erwähnung findet wird von Miro ein großes Album mit abgelösten Streichholzschachteletiketten gebracht und darin das Bezügliche herbeigeblättert. Zur Besteigung der Warte bekommen wir ein Fernglas von Carl Zeiss, wie eigens betont wird, ausgehändigt. Zuvor wurde aus den zahllosen lokalen Spolien und Reliquien mit denen die Hütte ausgeteilt ist noch die alte blecherne Spendenbüchse der längst nicht mehr bestehenden Aarhorstbaude vorgezeigt.
Der Blick von der Bergflur lohnt sich. Schneeberg und Zschirnstein, Rosenberg und Geltsch reihen sich am Horizont. Nach Rückgabe des Perspektivs gehen wir mit der Telefonnummer Miris ein Stück oberhalb des Ortes zurück und nehmen den Abstieg zur Elbe nach Grosspriesen, wo wir rechtzeitig am Bahnhof anlangen um den antiken Schienenbus von Saubernitz / Zubrnice nach Schreckenstein einfahren zu sehen. Dann kommt auch unser Regiojet nach Bodenbach, wo wir noch ein Weilchen in der Bahnhofskneipe hocken bis der Zug heimwärts losfährt.
Durch den Leitmeritzer Stadtwald
16. und 17. September 2025
Bericht folgt...
Komotau, Weipert, Bärenstein und Mondfinsternis über dem Scheibenberg
7. und 8. September 2025
Bereits 5:40 geht die Reise in Radebeul los. Von der Wurzel der Kraftfahrzeugrückholung zu zweit ausgehend blühte, wie schon beim Hinbringen über Waltsch, auf dem Nebenzweig ein vierblättriger Tagesausflug auf den böhmisch-sächsischen Erzgebirgskamm. In Bodenbach besteigen wir den Zug nach Komotau. Es ist schon halb Zehn Uhr als wir im Komotauer Stadtbahnhof aussteigen. Von dort gelangen wir bald zum sagenhaften Alaunsee und streben zwecks Vermeidung von Zutrittgebühren dem von der Stadt abgelegenen Ufer zu, wo zwar ebenfalls ein Kassenhäusel steht. Aus dem wird uns aber beschieden, heute wäre der Zugang frei, weil am See ein Fest stattfindet.
Ein weiterer Grund für diesen Seezugang ist die Gewährung unbekleideten Wasserkontaktes. Dafür ragt ein übermannshoher Sichtschutz um den betreffenden Bereich auf. Zwei von uns nackten Kampfschwimmern erreichen eine Plattform, die weit im See befestigt ist. Wie wir da hinaufsteigen und uns so zeigen, wie wir von der Mutter kamen, dauert es nicht lange und ein Patrouillenboot kommt angebraust um uns dieses sittenwidrige Präsentieren der eigenen Leiblichkeit zu untersagen. Wir lassen uns friedlich ins Wasser gleiten, das weder besonders klar noch salzig ist, wie wir erwartet hatten und schwimmen in den uns zugestandenen Bereich zurück. Die beiden Zurückgebliebenen lassen sich von uns nicht zu einem zweiten Nacktangriff auf die Komotauer Stadtgemeinschaft aufhetzen. Wie wir um den See herumspazieren gelangen wir in das Festtreiben um den Hauptstrand am anderen Ufer. Wir besteigen noch den alten Stadtturm, wofür wir der freundlichen Dame gern das kleine Handgeld ausreichen.
Gegen Mittag besteigen wir den nur wochenends verkehrenden grenzgebirgesüberschreitenden Schienenbus nach Cranzahl, der sich anderthalb Stunden auf der Nebenstrecke der Buschtěhrader Eisenbahngesellschaft über Krima/Křimov und Schmiedeberg/Kovářská
nach Weipert/Vejprty in weiten Schleifen den Kamm hinaufwindet. Das einst riesige Grenzbahnhofsgebäude von Weipert wurde im Frühjahr 2012 zu großen Teilen abgerissen. Erhalten ist nur noch ein nördlicher Trakt, der vormals den königlich sächsischen Beamten diente.
Gleich nach der Ankunft dort kehren wir in die Gaststätte Zum Andreas / Restaurace U Andreje, die neben frisch gezapften Bier eine recht klägliche Frittenküche aber dafür einen schönen Ausblick auf die Brache, die früher das regsame Städtchen erfüllte. Durch Bärenstein, in das Weipert unmerklich übergeht steigen wir zum gleichnamigen dritten der Zeugenberge, neben Pöhlberg und Scheibenberg hinan. Um die dortige Baude trinken und schmausen motorisierte Ausflugsgäste zu von tschechischen Musikanten gekrampftem Bluesrock Bratwurst und bayerisches Bier. Wir verweilen nicht lange und entscheiden uns gegen das Angebot des Hüttenwirts nicht ganz billigen Turmeintritt mit dem teuren Bierpreis zu verrechnen. Über den Wegen liegt sanftes Nachmittagslicht als wir die zwei Freunde zum Bahnhof von Cranzahl geleiten. Dort ergibt sich noch ein netter Plausch mit dem Schaffner, der den Zug nach Flöha abfertigt, in dem unsere Gefährten einsteigen.
Wir wenden uns weiter und gehen hangaufwärts, wo wir am Raubmordstein frische Blumen vorfinden. Hier wurde ein wandernder Puppenspieler überwältigt und ein paar Münzen halber, den sorgengeplagten Gebirgsmenschen eine anhaltende Freude geraubt. Auf dem Weg von Crottendorf nach Oberscheibe streifen wir etwas ungeschickt an den Häusern um den Zachenstein herum. Ein goldbekettelter Jüngling will uns von seiner Terrasse weissmachen, dass das Naturdenkmal, welches auf offiziellen Wanderwegweisern angezeigt wird, auf seinem Privatgrundstück und somit öffentlich unzugänglich sei. Da noch ein gutes Wegstück vor uns liegt, lassen wir ihn in seinem Wahn zurück.
Zwischen Scheibenberg und Oberscheibe gehen wir hinauf zum Emmlerweg und rasten unterhalb des Schafberges an einem Tisch. Wir verzehren unsere Vorräte, kleiden uns für die hereinbrechende Nacht und erwarten mit einigen Scheibenbergern am Schafberg den Aufgabg des Mondes, der sich vor dem dämmrigen Hintergrund des Abends schließlich schemenhaft schon ein Stück über dem Berg zeigt. Da es unterdessen kühler geworden ist, gehen wir auf dem Emmlerweg weiter in Richtung Emmler und blicken zuweilen zurück, wo sich nach und nach die Mondfinsternis immer deutlicher einstellt. Unser fernschriftlicher und -lichtbildlicher Austausch mit dem Mechaniker bringt uns schließlich nicht nur eine Einladung an dessen abendlichen Wohnzimmertisch sondern auch die Abholung durch diesen in seinem Volkswagen Grand Tourismo Injektion. Anschnallen hätten wir uns auf der kurzen Strecke kaum müssen, so bleihart wurden wir von der enormen Beschleunigung in die Sitze gedrückt. So jäh fühlten wir uns der lunaren Suggestion in eine merkurische Eile versetzt. Im Haus des Kurzrennfahrers wurde es dann wieder urgemütlich bei Pflaumenkuchen aus der Hand der Frau des Hauses und den Brauspezialitäten von Fiedler aus dem nahegelegenen Oberscheibe. Mit dem Rennwolf im Schafspelz wurden wir schließlich zum Schlafbus gefahren und sind nach gehabter Nachtruhe am nächsten Tag mit Zwischenhalts an der Geyerschen Pinge, den Greifensteinen und der Stiftskirche Ebersdorf bei Chemitz, wo ich mir mit einem Kuchenstück einen Backenzahn abspaltete.
Komotau - Weipert - Bärenstein - Raschau
6. / 7. September 2025
Besuch auf Schloss Waltsch an den Duppauer Bergen
16. August 2025
Recht behaglich fanden wir uns auf der Glacisstraße gegen 9 Uhr zusammen und verteilten uns auf zwei Fahrzeuge. Über Bahratal fuhren wir ins Böhmische und stiegen an zwei Denkmalen auf die Schlacht bei Kulm aus, zuerst den gusseisernen und goldbeschrifteten Obelisken für Hieronymus von Colloredo-Mansfeld in Arbesau / Varvažov, etwas abseits gegenüber dem alten Posthaus weit bescheidener in der Gestalt eines gotischen Sakramentshäuschens das Monument für den preußischen König und auf der anderen Straßenseite ein neu aufgesockelter steinerner Pfeiler der vormals neben dem Zollhaus der Kaiserstraße von Peterswald nach Teplitz gestanden hat. Auf dieser Straße fahren wir an Kulm und dem Turmdenkmal der Österreicher vorbei und halten noch einmal in Přestanov / Priesten wo wir vor einigen Jahren unsere Wanderung begonnen haben.
Dann geht es weiter bis nach Saaz, das uns noch bekannt ist von der Teilnahme an der Gedenkwanderung nach Postelberg vor zwei Jahren. Über kleine Straßen erreichen wir schließlich Waltsch / Valeč. Die Erwartung eines besonderen Ortes wird in jeder Hinsicht bestätigt. Wir stellen die Fahrzeuge an die untere Kirche, die auf einem zierlichen barocken Turmstumpf eine Art Burgturm mit umlaufendem hölzernem Wehrgang trägt, der in seiner Gestalt an siebenbürgische Kirchenburgen erinnert. Wir kehren zunächst in den Waltscher Hof ein. Die Gaststätte mit wirklich guten und reichlich fleischhaltigen Speisen hat bis zehn Uhr abends geöffnet. Ums Eck gibt es noch eine Dorfkneipe mit großem Angebot ebenso hochprozentiger wie hochfeiner Obstbrände aus eigener Produktion der Valečská pálenice, die auch Übernachtungsmöglichkeiten anbietet. Vor unserer Abfahrt werden einige von uns hier von Dartpfeilen umschwirrt noch eine kleine Probe nehmen.
Auf einer Hochebene überragt das Schloss den Ort. In einem Nebengebäude vor dem Eintritt in den Schlosspark hat an diesem Sonnabend eine Kwasbrauerei geöffnet. Im Park reicht ein kleiner Kiosk Kaffee, Gebäck, Bier und kleine Speisen. Eintritt in das Schloss und das Lapidarium mit den Skulpturen des Bernhard Mathias Braun kostet stattliche 200 Kronen. Die Repliken aus Steinguss, die etwas wirr auf der Wiese vor dem Schloss stehen haben unterdessen schon die Patina von Flechten und Verfärbungen angesetzt. Hier lässt sich zudem der Genius des Bildhauers besser erfassen, als in der skurrilen wechselnden farbigen Beleuchtung, welche die Fotos vom Lapidarium in Aussicht stellen. Eine Kostprobe dieses Unsinns erhalten die beiden in Waltsch zurückgelassenen, als Abends die Kulissenarchitektur am Berg in wechselnde Farben getaucht wird. Es gibt hier viel im Freien zu entdecken, vor allem die räumliche Entfaltung der Anlage zu empfinden. Wir sehen an der Hanglehne das erst vor einigen Jahren aus dem Schutt freigelegte Theatron mit reliefartig aus der Kulisse ragenden Hermen. Der Berg ist unterkellert. Der frühere Eiskeller der Waltscher Brauerei gilt wegen des Vorkommens eines dutzend Fledermausarten als Naturreservat. Dann gehen wir über eine weitgestreckte Streuobstwiese zur Stallung eines Viehzüchters.
Die Durchsicht auf einer anderen Parkwiese ist mit einer architektonischen Illusion von Toren verstellt. Besondere Aufmerksamkeit verdient eine mehrfigurige Skulptur vor dem Theatron, deren Erfindung als Pendant zu Permosers Apotheose des Prinzen Eugen im Wiener Belvedere gelten kann. Johann Christoph Kager von Stampach hatte das Schloss 1694 geerbt. Er war mit dem Reichsgrafen Franz Anton von Sporck befreundet, der neben vielem anderen der inspirierende Hauptauftraggeber des wohl bedeutendsten und eigenwilligsten böhmischen Barockbildhauers Bernhard Mathias Braun war. Aus Anlass eines Besuches Sporcks in Waltsch gestaltete Brauns Werkstatt eine Apotheose des Grafen. Der gebrechliche Querulant sitzt in einem Thron, der Rollstuhl, Schlitten und Boot in einem ist. Den Finger hält er als Lesezeichen zwischen den Buchseiten. Genien umsorgen ihn und eine Minerva wendet ihm ihre Huld zu.
Der Rundbau des alten Glashauses der Orangerie ist unterdessen zerlegt. Überhaupt ist vielen um Schloss und Park noch in Rekonstruktion. Die Entwicklung lässt gemischte Gefühle aufkommen. Der jetzige Zustand, einer sachte wiedererwachenden Bedeutsamkeit, ist besonders anrührend. Es steht zu befürchten, dass mit dem weiteren Ausbau die touristische Bewirtschaftung manche beredten Geheimnisse dieses Ortes wieder verschüttet. Es sei also geraten, den weiten Weg bald auf sich zu nehmen. Allerdings bietet die schwierige Erreichbarkeit aufgrund des unmittelbar angrenzenden großen militärischen Sperrgebietes der Duppauer Berge einen gewissen Schutz. Aufgrund dieses entsiedelten Ländchens ist es in Waltsch besonders ruhig. Freilich ist diese Ruhe auch eine Friedhofruhe, wenn nicht gar die Ruhe über einem Massengrab. Schon jetzt lässt sich der Zustand jahrzehntelanger Verwahrlosung kaum noch vorstellen. Wir gehen über Waldwege bis zur auf einer Anhöhe gelegenen Burgruine Neuhaus, von wo wir tatsächlich eine Blickbeziehung zum Schloss nachvollziehen können. Auf einer weiteren kleinen Hochfläche gegenüber dem Schlosspark ragt die der Kirche Heiligen Dreifaltigkeitskirche mit davor errichteter Dreifaltigkeitssäule empor. Abermals laben wir uns kurz in den örtlichen Tavernen. Dann fahren vier Wanderer heimwärts und wir zwei nehmen unser Nachtlager an diesem der Welt abhanden gekommenen Ort im Volkswagenbus zwischen der Kirche und der Säule gegenüber dem Park, den wir zuvor bis zum Einbruch der Dunkelheit durchstreifen. Der Sandstein glüht in der Abendsonne. Es ist so unglaublich ruhig hier, dass die Beredsamkeit der Baulichkeiten und Bildwerke sehr stark wird aus sich selbst heraus, ohne Kommentar.
Fahrt von Waltsch nach Raschau
17. August 2025
Wir frühstücken auf Tisch und Bänken im Park und nehmen noch einen ausgezeichneten Kaffee am gerade eröffneten Kiosk, originelle Tasse samt Wasserglas auf einem silbernen Tablett. Abermals keimt das Gefühl auf einer psychgeografischen Offenbarung dieses Ortes beizuwohnen, deren Deutlichkeit nachfolgend rasch wieder abnehmen wird. Die über das Dorf ragende Schauseite des Schlosses, der ich mich im Morgentau, Zäune übersteigend anschlich, ist noch ruinös. Wenn hier alles wieder getüncht und gekittet ist, und damit die Lüge verbreitet, das alles heil sei, dann ist auch die Anrede durch diesen Ort auf andere Art als durch die vorangehende Verwahrlosung, wieder geknebelt. Wir fahren immer an der Grenze zum Sperrgebiet an den rotbeschrifteten Verbotstafeln vorbei um die Duppauer Berge. Bei Engelsburg / Andělská Hora halten wir und besteigen die Burgruine mit guten Ausblicken.
Bevor wir ins Tal der Tepel hinabfahren, um unser Fahrzeug auf dem Parkplatz des Grandhotel Pupp abzustellen, betreten wir die neue Empfangshalle des internationalen Flughafens Karlsbad, der ebensolcher aber gleichwohl anders begründeter Stille daliegt. Aus dem Abfertigungstor tritt uns ein einzelner Mann entgegen und gibt bereitwillig Auskunft über die wenigen Starte und Landungen. Anschließend flanieren wir durch Karlsbad, dessen ungesunder bedeutungsloser Schwulst mich an die Paläste von Lodsch erinnert, die dort allerdings auf dem sumpfigen Nirgendwo errichtet wurden, während das alte ehrwürdige Karlsbad in Hochwasser (9. Mai 1582) und Brand (13. August 1604) unterging, bevor diese heutige Beziehungslosigkeit entstand. Garnichtmal so übel, jedenfalls angesichts der Bauten der Gründerzeit durchaus gerechtfertigt erscheint das Hotel Thermal aus der sozialistischen tschechoslowakischen Republik. Der Jugendstil hat in den Wald hineingerufen und der Brutalismus schallte heraus. der heute wehleidig behauptete Bruch entspricht in Umkehr dem Impetus der Erbauer. Was sich heute für Architekturkritik hält ist tief unter dem Niveau und vor allem der Empfindsamkeit eines Schultze-Naumburg. Wir gehen das Tal weiter bis zur Einmündung der Tepel in die Eger und damit gelangen wir direkt in den tschechoslowakischen Sozialismus, der hier unverbrämter aufscheint als anderswo. An einem der letzten Häuser vor der Bahnlinie sind noch Einschüsse an der Fassade zu sehen, die möglicherweise im Zusammenhang mit dem Angriff der USAF auf den Karlsbader Bahnhof stehen.
In Schlackenwerth / Ostrov nad Ohří, der Trolleybusstadt, die immer noch von großen Hallen der (inzwischen teils auslandsverlagerten deutschen) Automobilindustrie gerahmt ist, stellen wir das Fahrzeug unweit des Klosterbezirks ab und staunen über den fast schon überrekonstruierten Schlosspark mit Kunstgalerie Sommerschlösschen, Rasenparterre, Wasserbecken und Fontänen. Der Landeshistoriker bezeichnete als ein achtes Weltwunder, was der Herzog von Sachsen-Lauenburg, der das Gebiet nacxh der Schlacht am Weißen Berg zugesprochen erhielt hier errichtete. Reizend ist die angrenzende kleine Ackerbürgerstadt um den Marktplatz mit dem von einer doppelläufigen Freitreppe umsockelten Rathausturm. Alles sehr klein und idyllisch. Ein starker Gegensatz zur sozialistischen Neustadt im Stile der 1950er Jahre, in deren Schatten das alte Schlackenwerth ebenso unsichtbar für Jahrzehnte versteckt blieb.
Durch das trostlos die Durchfahrtsstraße flankierenden und zu einem Drittel fast unbewohnt scheinenden Joachimstal / Jáchymov fahren wir dem Kamm entgegen. Es wird immer kühler und feuchter. Im Schatten einiger Windräder haben sich Tschechen mit ihrem Wohnbus aufgestellt. Wir gehen an ihnen vorüber durch tragende Heidelbeersträucher unter denen rote Preiselbeeren durchleuchten. Hier wo der Rechengrund in die Schnauderwiese ausgeht, steht der Dreiherrenstein. Etwas grell wurde die farbige Fassung über dem abgewitterten Relief der Wappen restauriert. Nachnapoleonisch wurde auf ein KB und ein KS für die Königreiche Böhmen und Sachsen eingekerbt. Gesetzt wurde der Stein 1729 als Markierung zwischen den Herrschaften Schwarzenberg der Herren von Tettau, denen der Herren von Schönburg und der Herren von Schlick auf Schlackenwerth und Sankt Joachimsthal.
Auf dem Keilberg umfängt uns eine Eisesluft, als wir auf den Fichtelberg wechseln ist es dort kaum anders. Noch die Sonne des Waltscher Schlossberges in den Knochen kommen wir uns vor als wären wir an einem Tag von der Toskana an das Nordkap gereist. Also fahren wir weiter bis zum Automechaniker in Raschau, der uns früh in unserem Schlaffahrzeug mit frischen Brötchen von Bäcker und einem guten Gespräch über nicht immer ganz so gute Vorkommnisse gegenübertritt.
Von Raschau auf den Pöhlberg
18. August 2025
Gegen Mittag ist alles besprochen und wir schultern unser Bündel und wenden uns über den Haltepunkt Raschau an der nagelneuen Bahntrasse, auf der das Chemnitzer Technikum zwischen Schwarzenberg und Annaberg fahrerlosen Bahntransport erprobt. Die Rede ist von teleooperiertem Betrieb. Längs der Strecke sind dafür 22 5G-Mobilfunkstationen errichtet worden. Nachdem man nun derart überholt hat, will man jetzt einholen, indem bis 2034 die Strecke über Aue nach Chemnitz elektrifiziert werden soll. Unterhalb des Emmler gehen wir den nach der Anhöhe benannten Emmlerweg bis Scheibenberg. In der Verkaufsstelle der Annaberger Backwaren in der Kaufhalle am Ortseingang nehmen wir einen fett mit Schokolade überzogenen Annaberger Streuselkuchen zum Kaffee. Im Ort befindet sich an jedem unscheinbaren Anwesen eine Erläuterungstafel mit Fotos über Baugeschichte und Bewohner. Das fällt uns auch in anderen Ortschaften des Gebirges auf. Wir ersteigen den Scheibenberg kosten vor dortiger Berghütte einige der Oberscheiber Brauspezialitäten von Fiedler und teilen uns ein Gericht. Wir steigen den Zahmsteig hinab an Otmar Zahms Hütte vorbei, dort wo er den grimmen Berg zum Park gezähmt hat. Wir beschauen uns die Orgelpfeifen und wissen inzwischen, dass diese nicht einem Vulkanschlot angehören sondern einer sich ins Tal ergossenen Zunge flüssiger Lava, die erst durch das Abwittern des Umgebungsmaterials in einer Reliefumkehr zum Berg wurde, wie die Asphaltschablone einer Reservage, um die herum das unbedeckte Material tiefgeätzt wird. Der Scheibenberg bildet mit dem Pöhlberg, der uns das Nachtquartier bieten wird und dem Bärenstein, dessen Ersteigung wir verschieben müssen, die Dreiheit der Zeugenberge der vulkanischen Tätigkeit im heutigen oberen Erzgebirge. Wir gehen über Waltersdorf durch den Neuamerikawald am Tierheim vorbei zum Freibad am Stangenwald. Auf der Karlsbader Straße kommen wir mit einem Einheimischen ins Gespräch. Er freut sich über die Wanderer tritt in seine dunkle Stube zurück, um uns erst ein Getränk auszugeben, dann seine alte böhmische Ophikleide (oder andere kleine Schwester der Tuba) zu holen, auf der er das Feierohmdlied anspielt. Dumpf und melancholisch kriechen die Klänge über die Straße. Er dagegen ist von jener federnden Fröhlichkeit, welche die Menschen im Gebirge erfasst, während der wenigen Hochsommerwochen. Der aus der Stadt gebürtige Wanderkamerad tauscht sich mit dem Buchholzer über Interna aus. Wirtschaften, Geschäfte, Backwaren und lokale rothaarige femme fatales kommen zur Sprache. Dann ziehen wir weiter, klingeln noch gezielt bei einem Jugendfreund, mit dem wir eine Weile vor seinem Gartentor verplaudern. Als wir auf dem Marktplatz von Annaberg anlangen dunkelt es bereits. Unsere Suche nach einem Lokal, dass spät nachts noch besucht ist verläuft am Montag vergeblich. So steigen wir im Dunkeln hinaus auf den Pöhlberg, dort rasten wir erst auf halber Höhe und gehen schließlich auf den Gipfel, wo wir nahe dem Ausblick auf die Stadt unsere Schlafsäcke auf der Wiese ausrollen.
Vom Pöhlberg zum Hirtstein
19. August 2025
Am folgenden Morgen nehmen wir unkompliziert und nicht allzu teuer zum Frühstück am Tisch des Berghotels Pöhlberg Platz. Nachdem wir noch den Turm bestiegen haben steigen wir vom Berg ab, besichtigen noch die Butterfässer, die sich gegenwärtig sehr verbuscht und verborgen zeigen. Wir gehen um den Berg herum und über die Norweger Skihütte, deren Umgebung als guter Platz für ein Nachtlager im Freien vorgemerkt wird über die Bergwerke Sankt Briccius den Hagebuttenweg nach Königswalde, ab dort begleitet von Jesuserinnerungen an vielen Privathäusern, Stationen eines frommen Andachtsweges, der den unseren kreuzt und nachzeichnet. In der Königswalder Kirche der protestantische Kanzelaltar und Zeugnisse eines lebendigen Gemeindelebens. Ein Friedhofswart weist uns den Weg hinter der Kirche hinaus auf eine alte Straße nach Grumbach. Bestatter und Trauernde warten vor der Aufbahrungshalle auf den Beginn einer Trauerfeier.
Auf dem Waldweg tragen wir uns in ein Wanderbuch ein. Von Grumbach gehen wir nach Schmalzgrube, wo wir vor dem Bahnhof der Schmalspurbahn auf einer Bank rasten und dabei mit einem Eisenbahner ins Gespräch kommen, der uns über das alte und neue Netz im Gebirge Auskunft gibt. 1984 und 1986 wurde die Linie Jöhstadt-Wolkenstein stillgelegt. Damit kann ich meinen Urlaub mit dem Vater in Jöhstadt vor 1984 datieren, denn damals fuhren wir noch mit der Bahn, die dann ab 1992 zunächst zwischen Steinbach und Jöhstadt wieder aufgebaut wurde. In Schmalzgrube fließt die Schwarzwasser in die Preßnitz. Auf teils sehr geradlinig öder Waldschneise laufen wir zum Hirtstein oberhalb Satzung.
Beim Lustigen Hans, wo die Hütte an den gleichnamigen Wilderer erinnert, treten wir aus dem Wald und schlagen den Kammweg zum Hirtstein ein. Die dortige Baude ist wegen Urlaub geschlossen. Ein bärtiger Mann lenkt uns jedoch zum Bungalow, wo es sehr wohlfeile Getränke und schließlich die Möglichkeit gibt auf der Wiese zu lagern.
Durchs Assenbacher Grundtal
20. August 2025
Auch hier nehmen wir am Morgen das Frühstück am Tisch. Wir haben die Sonne über dem Hirtstein sinken und wieder aufgehen sehen. Ins Dorf sind wir nicht hinuntergegangen, da sowohl Uhligs Gasthof, wie Erbgericht geschlossen und wir einen beeindruckenden sommerlichen Sternenhimmel zu Haupten hatten. Die Wirtin Dora Dickebom ist vor vielen Jahren aus dem westlichen Restdeutschland auf den Erzgebirgskamm gekommen. Sie unterhält uns mit Schnurren aus dem Camperleben. Wir ziehen zu Tal durch Satzung, wo immerhin der Bäckerladen geöffnet ist, der böhmischen Grenze zu. Durch das feuchte Quellgebiet des Assigbachs / Chomutovka suchen wir den Eingang ins Assigbacher Grundtal. Durch das längste Erzgebirgstal laufen wir dann bald 15 Kilometer teils über asphaltierte und geschotterte Wege rechts straff auf Komotau zu. Vorbei an der Stelle der dritten Grundmühle, die zweite und die erste Grundmühle die beide noch bewirtschaftet sind lassen wir links liegen und eilen der Stadt zu und dort zum Bahnhalt Chomutov mesto, wo wir gerade noch am Schalter eine Tageskarte lösen können um kurz nach drei Uhr den Zug heimwärts zu besteigen.
Von Leitmeritz nach Sebusein
2. August 2025
Wir nehmen abermals die S-Bahn 5:40 ab Radebeul (5:49 Dresden Neustadt) und fahren über Schandau, - ab Pirna zu viert- Bodenbach nach Aussig und gehen vom Hauptbahnhof durch die Stadt zum Westbahnhof, wo wir gerade recht kommen zur Abfahrt des Zuges nach Lyssa. In Leitmeritz steigen wir aus, gehen über den Markt.
In der Liditzer Straße, jener Seitengasse an der Stadtbrauerei, wo wir im Juni in der Baronka-Bar die Nacht bis zum Aufstieg auf den Radobyl verbracht hatten, suchen wir diesmal eine Kaffeerösterei auf, um uns einen brasilianischen zubereiten zu lassen. Die beiden jungen Männer öffnen uns ihren Laden vor der Zeit. Dann gehen wir an der Burg und durch gepflegte Wohnsiedlungen aus den zwanziger und dreißiger Jahren, vor denen die Rosen und Hortensien blühen zum Oberen Bahnhof über die Plattenbausiedlung zum Pokratitzer Bach bis nach Skalitz und von dort auf den Radischken / Hradiště (545m), der mit einer herrlichen breiten Aussicht überraschte. Die Landschaft breitet sich wie auf einer Bühne aus.
Über Schafweiden und schöne blütenreiche Wiesen erreichen wir den Kundratitzer Kahleberg / Lysá hora (577 m). Auch diese Höhe ist besonders durch seine kahlen und trockenen Wiesenhöhen mit vereinzelten Felsklippen. Wir umgehen Kundratitz über Waldwege und gelangen an einem Teich vorbei zum Fuße des Aarhorst / Varhošť (638). Dieser Berg mit seinem Aussichtsturm bietet am heutigen Tag die wenigsten Überraschungen.
Hier entschließen wir uns den Weg abzukürzen und den Gang über die Hohe Wostray und den Schreckenstein nach Aussig noch einmal aufzuschieben. Stattdessen wenden wir uns der Elbe zu und gehen unter dem Rabenstein durch das Tlutzener Tal hinab nach Sebusein. Der Abstieg zieht sich auf glitschigem Boden eine Weile hin. Schließlich wird der Spiegel der angestauten Elbe zwischen den Häusern Sebuseins sichtbar überragt von Wanower Berg am anderen Ufer. Uns bleibt bis zur Abfahrt des Wanderexpresses, der ohne Umstieg aber mit langen Haltezeiten einmal am Tag von Leitmeritz bis Dresden durchfährt, noch Zeit uns im Hospůdka Lucie zu laben.
Hier entschließen wir uns den Weg abzukürzen und den Gang über die Hohe Wostray und den Schreckenstein nach Aussig noch einmal aufzuschieben. Stattdessen wenden wir uns der Elbe zu und gehen unter dem Rabenstein durch das Tlutzener Tal hinab nach Sebusein. Der Abstieg zieht sich auf glitschigem Boden eine Weile hin. Auf Waldwiesen wachsen die Zigeunerpflanzen Stechapfel und Bilsenkraut in Mengen. Schließlich wird der Spiegel der angestauten Elbe zwischen den Häusern Sebuseins sichtbar überragt von Wanower Berg am anderen Ufer und dem Deblik hier. Uns bleibt bis zur Abfahrt des Wanderexpresses, der ohne Umstieg aber mit langen Haltezeiten einmal am Tag von Leitmeritz bis Dresden durchfährt, noch Zeit uns im Hospůdka Lucie zu
Von Trieblitz nach Lobositz
nur umgekehrt...
26. Juli 2025
Wieder geht es 5:40 ab Radebeul los. Der dritte Mann in Pirna bleibt aus. Später erfahren wir, dass er verschlafen hat, das war insofern gut, als sich bald danach herausstellt, dass er daheim sehr dringend an einem Krankenbett benötigt wird. Seit durch das Deutschlandticket keine einfachen umständlichen Fahrkostenabsprachen mehr erforderlich sind, dafür sehr komplizierte für jene, die diesen Fahrschein nicht halten, stoßen gelegentlich noch Mitwanderer unangekündigt auf der Strecke dazu. Heute laufen wir zu zweit in den Tag hinein, wie sich das zuletzt im November bei Gablonz ergeben hatte. In Lobositz wird die Bahnhofshalle umgebaut. Wir machen uns auf den Weg in die Stadt und stoßen wie schon bei den letzten beiden Streifzügen in Eula und Niemes abermals auf eine Verkaufsstelle von Náš Chléb / Unser Brot, eines handwerklichen Bäckereibetriebs aus Gablonz, der mit Náš Grunt / Unsere Grundlage im letzten Jahr eine weitere Ladenkette mit Hofprodukten vom Erzeuger etabliert hat. Hier ist bereits vor neun Uhr geöffnet, In der Czukarna ein paar Straßenecken weiter wollten uns die drei Mädels nur einen Kaffee zum Gehen bereiten. Nun nehmen wir Platz trinken wir vor dem Lädchen unseren Morgenkaffee und essen ein wirklich frisches und gutes Gebäck.
In angeregtem Gespräch laufen wir zurück zum Bahnhof. Wie wir dort die letzten Treppenstufen zum Bahnsteig überwinden, brummt der Triebwagen nach Most schon bedenklich auf. Wir lassen uns davon zunächst nicht stören, mit dem Ergebnis, dass der Zug, den wir mit etwas Eile noch bekommen hätten, vor unseren Augen davonfährt. Wir begreifen es nicht sogleich, aber tatsächlich war er pünktlich und wir auf den letzten Schritten etwas unachtsam. Verdruss lassen wir nicht aufkommen und gehen nun die Runde in die andere Richtung, nachdem wir uns vergewissert haben, dass eine späte Rückreise auch von Trieblitz möglich ist, wo wir unseren Streifzug eigentlich beginnen wollten.
Wir gehen nun wieder in die Stadt zurück und ersteigen zuerst den stadtnahen und stadtnamentlichen Lobosch (570). Hier und in der Gaststätte in Kotzauer begegnen wir den meisten Leuten während unserer heutigen Unternehmung, ansonsten nur hin und wieder einmal jemanden. Die Hütte auf dem Berg, wurde einst vom Klub tschechischer Touristen betrieben, heute privat, Übernachtungsmöglichkeiten werden auf Nachfrage bestätigt. Wir nehmen ein Getränk, blicken östlich herunter zur Elbe und dem Zalhostitzer See, südlich ragen die Burgruinen Kostial und die Hasenburg ins Land und nordwestlich schauen wir zum Milleschauer und zum Kletschen, bevor wir in diese Richtung vom Berg herabsteigen. Wir queren die Autobahn und erreichen über Priesen / Březno die Burgruine Wostrey / Ostrý (553). Dort treffen wir unter anderem ein älteres, korpulentes und heiteres Paar aus dem Erzgebirge, welches auf der Reise nach Zittau hier die Reize der Landschaft genießt.
Diese Gegend des Böhmischen Mittelgebirges lockte mich vor dreißig Jahren zuerst nach Böhmen. Auf diesem Berg habe ich mehrmals mit dem Zelt am Feuer genächtigt. Die Kette der Vulkankegel reiht sich eindrucksvoll in jeder Richtung. Unterdessen jedoch rühren mich die sanfteren Hügelländer um Rollberg, Kleis, Bösig und Tannberg mit den großen Teichen und zwischen Sandsteinklippen verhockten Dörfchen fast tiefer an. Auch die Gegenden um Bodenbach, dem Wiesenland zwischen dem Erzgebirgskamm im Westen und dem Polzental im Osten bewirken einen noch geheimnisvolleren Reiz als das offenbare Pathos des Böhmischen Mittelgebirges vermag. Das geht mir mit der intensiven Wiederbegegnung durch den Kopf. Freilich ist es herrlich hier. Die beinahe makellosen Kegel von Lobosch, Milleschauer und Hora bestimmen unsere Ausblicke.
Die glänzende Reihe der abgestellten Automobile vor dem Gasthof in Kotzauer / Kocourov sehen wir schon von der Höhe aus. Dort wird vom Fass ein alkoholfreies Pilsner Urquell sowie einige Sorten des Rumburger Katerbieres Kocour ausgeschenkt. Wohl auch, weil es dem heutigen tschechischen Ortsnamen entspricht. Die Speisen sehen etwas lieblos aus und werden von uns darum nicht in Betracht gezogen.
Nach einem Getränk im Gasthof von Kotzauer wenden wir uns der Hora oder dem Horst, respektive Leipziger Berg / Lipská hora (689 m) zu, der am Fuße weit umrundet werden muss, ehe der Einstieg zum Gipfel beginnt. Der Ausblick geht zwar nur gen Süden, gehört aber mit zu den schönsten im böhmischen Mittelgebirge. Nach dem Abstieg verpassen wir eine Spitzkehre nach Lhotta / Lhota und gelangen stattdessen nach Merskles / Mrsklesy. Ins verwaisten Schwimmbad, das laut Kartenblatt vom Morellenbach oder der Model / Modla gespeist wird, steige ich die veralgte Leiter hinab und mache ein paar Züge zwischen den bröckelnden Beckeneinfassungen und dem am unteren Beckenende zusammengetriebenen Belag. Es riecht nicht gut. Dann kreuzen wir den Bach und gehen über eine Feldhecke hinab zum Berg, der die Ruine Woltarschik trägt. Von dort sind im fernen Süden die Steppenberge Rannay, Milay und Hoblik / Oblik zu erblicken. Beim Abstieg strahlt und golden ein schöner Bestand von Waldgerste (Hordelymus europaeus) entgegen.
Den Plöschener Berg / Blešenský vrch lassen wir rechts liegen und gehen über die als Wohngebäude umgenutzte Granatenschänke an der Straße von Lobositz nach Brüx / Most an einem prächtigen fruchtenden Blauglockenbaum (Paulownia tomentosa, Syn.: Paulownia imperialis) auch Kaiserbaum genannt über reizende Pfade an Teichen vorüber nach Trieblitz / Třebívlice. Der Blauglockenbaum soll der Lieblingsbaum des ungekrönten böhmischen Königs Franz Joseph gewesen sein, den er vielerorts anzupflanzen anordnete. In Trieblitz lebte Goethes geliebte Ulrike von Levetzow bis zu ihrem Tod in ihrem 95. Lebensjahr 1899 unverheiratet. Auf dem Marktplatz steht neben einem Auto eine Frau auf deren Armen sich Aras niedergelassen haben. Wir lassen uns vor dem Restaurant Emy nieder, entscheiden uns gegen die unerträgliche Pizza und für die Durstmacher zum Bier, Matjes, Paprikafischsalat und Ertrunkenen mit reichlich Brot. So bleibt uns noch ein Stündchen den friedlichen Abend mit anderen zu begehen. An unserem Tisch ein Paar mit ihrem etwas altklugen Söhnlein und ein einsamer Kuttenträger mit Pink-Floyd-Kappe. Rechtzeitig wandeln wir zum Bahnhof, der sich adrett und reinlich, wie auf einer Modellplatte zeigt. Es sind Sessel aufgestellt auf die Traumfänger herabhängen, zahlreiche Blumen prunken in Kästen. Der Zug nach Leitmeritz holt die Verspätung bis Lobositz wieder rein, so dass auf tschechischem Bahngebiet alle Anschlüsse erreicht werden.
Allein die S- Bahn in Schandau wartet nicht auf uns, so treffen wir am Dresdner Elbufer erst ein, nachdem Roland Kaiser ausgesungen hat. Hier wollen wir noch einen Freund treffen, der seine Holde gemeinsam mit einigen Freunden heute zum Konzert begleitet hat. Als wir auf der Augustusbrücke aus der Bahn steigen, quellen uns Menschenmassen, die Frauen oft mit leuchtendem Haarschmuck entgegen. Wir quetschen uns am Narrenhäusel in dessen Biergarten eine Schlagerparty steigt vorbei und treffen nach einigem hin- und her telefonieren auf den Anhang unseres mittelsächsischen Wanderfreunde. Nach Bergung und Autoholung trifft er gleichfalls ein. Aus der Neustadt ist inzwischen ein weiterer Riesengebirgsveteran von 2018 hinzugestoßen. Die Begrüßung geht in die Verabschiedung über und wir gehen zum Bahnhof Neustadt hinüber, um die letzte S-Bahn gen Meißen rechtzeitig zu besteigen. Ein ereignisreicher Tag ist verstrichen.
Rollberg
19. Juli 2025
Vor 6:00 Uhr loszufahren, ist im Juli nicht sehr früh, sondern recht schicklich. Und wir sind nicht allein, als wir zum dritten Mal in Folge 5:40 Uhr in Radebeul den Zug nach Schandau besteigen. Schon auf der Treppe zum Bahnsteig kommen wir mit einem Mann ins Gespräch, der wie wir nach Nordböhmen will. Grottau / Hrádek nad Nisou ist sein Ziel. Der ebenso gewissenhafte wie zuvorkommende tschechische Kondukteur im Anschlusszug nach Bodenbach rät uns dann anstelle des tschechischen Labe-Tickets eine Tageskarte für den Aussiger Verkehrsverbund / Doprava Ústeckého kraje an unserer Deutschlandticket anzuschließen. Mit der DUK-Karte fahren wir gut im Wortsinne. (Fünf Personen können für 20 € umgerechnet unterwegs sein. Wir sind zu viert.)
In Bodenbach bleibt Zeit für einen Kaffee und ein Gebäck dann sausen wir im Schnellzug Richtung Reichenberg durch das Polzental über Bensen und Leipa nach Niemes. Auf Trampelpfaden gehen wir außen um das Friedhofsgelände herum zum Kirchhügel. Wie stets besichtigen wir die Grabmäler und amüsieren uns diesmal über das lakonische „Auf Wiedersehen“ am Sockel des Steines eines K. u. K. Notars und die tschechische Transkription des Namens Brettschneider. Kirche und Kirchhof liegen auf wallartigen Höhen über dem eigentlichen Ort an der Stelle, die einst die Burg Niemes eingenommen hat. Den Weg hinunter in die Stadt säumen gestikulierende Heiligenfiguren. Unten empfängt uns zwischen den Büschen ein Muschik mit Käppi und Maschinenpistole. Den Befreiern steht am Sockel. Dieser sowjetische Heckenschütze zeigt sich mit Blumen geschmückt, rechts und links von ihm stehen zwei Pylone, die an Lidice und Dukla erinnern. An einigen Gebäuden der Hauptstraße sind dunkle Tafeln angebracht, auf denen Schicksale einzelner Bewohner verzeichnet sind. Wie unlängst in Eula begegnen wir auch hier am Markt einer Filiale des regionalen Lebensmittelgeschäfts „Unser Brot“. Auf der dem Fluss zugewandten Wiese stand bis zur seiner Sprengung im Jahr 1985 das Schloss.
Über die Polzen Brücke betreten wir den Schlosspark und gehen eine Runde durch die Anlage. Dabei gelangen wir zu einem Höhleneingang und zum Horaz-Denkmal, auf dessen Sockel eine Strophe aus der 14. Ode des 2. Buches An Postumus eingegraben ist, deren Voss´sche Übertragung lautet:
Einst mußt du Erd' und Haus und geliebtes Weib
Verlassen; dann wird unter den Bäumen, die
Du pflanztest, außer Grabcypressen
Keiner dem kurzen Besitzer folgen.
Der Pfeiler trägt die Initialen F. H., die sowohl auf den Gutsherrn Franz von Hartig wie auf den Dichter Horatius Flaccus hinweisen.
Te praeter invisas cupressos
Que le triste cypres
Hartigs Vater war Dichter und Minister am Dresdner Hof. Wartenberg am Rollberg/ Stráž pod Ralskem, wo unser Streifzug heute enden wird, gehörte gleichfalls den Hartigs. Am Teich steht ein Quellhäuschen mit Inschrift.
Neben dem Plattenbaugebiet hat die Eisdiele Zmrzlinárna Ralsko geöffnet. Ich entscheide nur nach visuellen Kriterien für Asphalt und Dubai. Es schmeckt nicht, ist teuer, sieht dafür aber scheußlich aus. Durch die Allee gehen wir nach Rabendorf / Vranov und von dort hinauf zur Julienhöhe / Juliina vyhlídka. Neben dem 1822 etablierten Aussichtspunkt an einer Sandsteinklippe steht eine Erklärungstafel, deren Formulierung es uns angetan hat. Sie besagt, dass sich eine unglücklich Verliebte hier vom Felsen gestürzt hätte und schiebt nach: Die Wirklichkeit ist ohnedies romantisch. Diese Wendung begleitet uns für den Rest des Tages und könnte auch als Wahlspruch über allen weiteren Unternehmungen stehn.
Auf dem Berggipfel rasten wir und lassen uns eine ganze Weile von unzähligen Schwalbenschwänzen und einem Segelfalter umgaukeln. Wir kommen mit zwei Freibergern ins Gespräch, die eigentlich Bergsteiger sind. Doch für diese Verrichtung sind die Felsen nach dem Regen der letzten Tage noch zu feucht. So haben sie sich Schlauchboote aufgepackt, im den Polzendurchbruch / Průrva Ploučnice bei Neuland zu befahren. Wie wir unten vor dem Austritt des Sandsteintunnels anlangen, dauert es nicht lange und die beiden kommen in ihren aufblasbaren Booten aus dem schwarzen Loch gefahren. An dem trüben Kessel vor dem Felsen haben sich Badegäste niedergelassen. Ein kleiner Schnellimbiss ist geöffnet. Wir rasten abermals bei Malinovka. Die in Aussicht gestellte Dršťková polévka / Kuttelsuppe ist leider aktuell nicht zu haben.
Eine öde Straße führt an den Absetzbecken und Halden des Uranbergwerks vorbei. Öde bleibt es auch in der Ortslage von Wartenberg. Es könnte die Partnergemeinde von Nünchritz in Sachsen sein. So wie dort vermengt sich eine innewohnende Armseligkeit mit äußerem materiellem Reichtum. In kaum einem tschechischen Dorf wird an privaten Häusern so viel teures Zeug verbaut sein und kaum ein Städtchen sieht so verwahrlost aus wie dieses. Der Bach ist an Grund und Ufer komplett mit Beton verbaut und wird in einer Wanne mit trapezförmigen Querschnitt durch die Wiese gespült.
Um Wartenberg befand sich das weltweit größte Uranfördergebiet, bis 1996 wurden 15.000 Tonnen zutage gefördert. Die Folgen für Grundwasser und Naturraum sind beträchtlich und werden noch aktueller Planung bis ins Jahr 2080 einige Milliarden verschlingen. Es ist deutlich zu sehen, wie hier viel Geld mit dem Uranabbau verdient wurde und dann noch viel mehr mit der Sanierung der Anlagen und Deponien. Inzwischen zurückgestellt ist das ehrgeizige Projekt, ähnlich, wie von Reichenberg nach Gablonz, von dort hierher als Bestandteil der Regiotram Nisa eine Straßenbahnlinie zu errichten. Im Zusammenhang damit war gar von einem Jeschkentunnel die Rede. Das Beste am Geld ist, dass es zuweilen knapp ist und uns vor Torheiten bewahrt.
Am Stausee mit Blick zum Jeschken läuft das Picknick-Festival, veranstaltet von der Familie Järgen, die auch das Restaurant Uran betreibt, auf vollen Touren. Es werden Ohrwürmer aus Funk und Fernsehen nachgespielt, Hardrock und Indie-Pop. Wir setzen uns vor dem Haupthaus des Restaurace Uran an einen Tisch zu einem älteren tschechischen Paar und speiesen und trinken, tummeln uns danach noch eine Weile auf dem Festivalgelände. Dann geht es zum Busbahnhof, wo die Kneipe geöffnet ist für eine kleine Kofola vom Fass. In Blickrichtung zum Schloss Wartenberg ist eine gelblackierte Grubenbahn mit Hunt aufgestellt. Der Busfahrer nimmt uns mit dem eigentlich hier ungültigen DUK-Fahrschein wieder bis Niemes mit. Dort laben wir uns noch am Pilsner Urquell im Country Saloon des Bahnhofsgebäudes und dann geht es zügig über Bodenbach und Schandau zurück nach Hause.
Von Eula nach Schönpriesen
28. Juni 2025
Bereits 5:40 Uhr steigen wir in Radebeul in den Zug ein, um in Bodenbach / Podmokly den Triebwagen der Ziegenbahn nach Graupen / Krupka zu bekommen. Ebenso wie letztes Jahr bei unserem Ausflug von Raudnitz / Roudnice nad Labem auf dem Georgsberg / Říp steigen wir hier in eine Brotbüchse im herkömmlichen Erhaltungszustand. Der Triebwagen stößt erst elbparallel zurück auf den Rangierbahnhof Bodenbach, um dann mit Fahrtrichtungswechsel in das Gleis einzufahren, was über den städtischen Haltepunkt an der alten Brauerei die Haltepunkte Bodenbach Ulgersdorf / Děčín-Oldřichov, Bynauburg / Děčín-Bynov, Merzdorf / Martiněves u Děčína und Eula / Jílové u Děčína anfährt. Die behaglich altösterreichische Trassierung hält sich auf der Höhe über dem Eulabach / Jílovský potok. Zwischen den Baumwipfeln blitzen immer wieder große Fabrikanlagen und Schornsteine dieses ebenso altösterreichischen Industrielandes auf. Ohne Nordböhmens Öfen, Schmelzwannen, Hämmer, Siedereien und Webstühle war Deutschösterreich nach dem großen Krieg nicht viel mehr als eine Brettljause mit Ziegenmilch. Und vielleicht, sogar gewiss, lebten in Wien selbst mehr Tschechen als in den Wiener Werkstätten Deutschböhmens.
Bevor wir in die Landschaft hinausziehen, beschreiben wir eine kleine Schleife durch den Ort, schauen uns das Schloss und den Park an nebst Teichen und Pavillons. Hierher hat sich die Familie Thun-Hohenstein zurückgezogen, nachdem sie das große Schloss in Tetschen aufgegeben hat. Was wir heute sehen, ist ein schlichter Baukörper mit Ursprung der Renaissance und der äußeren Ausgestaltung im Heimatschutzstil der Zwanziger und Dreißigerjahre. Es geht zurück auf eine Wasserburg der Bünaus, die auch im nahegelegenen Ortsnamen Bynov anklingen. Das Schloss ist unterdessen wieder instandgesetzt und enthält öffentliche Einrichtung für die Bibliothek und ist von einem gepflegten Park umgeben.
Wir überschreiten die Bahngleise und ergehen uns in der Landschaft. Um den Hang des Hegeberges / Vyrovna (540) halten wir vergeblich nach den Eibenwäldern Ausschau. Aber die Sommerhitze hat uns im warmweichen Griff, dem wir uns gern hingeben. Sie wird zum Hauptaspekt des Herumstreifens in dieser offenen Landschaft. Der Tetschener Schneeberg riegelt unseren Blick nach Dresden ab. Westlich von ihm beginnt das dunkle Band des Erzgebirges. Eine mit Bruchsteinen gepflasterte Straße führt über den Leukersdorfer Bach hinauf zur Nikolaikirche von Leukersdorf / Čermná. Wir lesen die deutschen Inschriften auf den übriggebliebenen Grabsteinen und dazu die dort überdauernden Namen der Ortsteile.
Durch sanft hügeliges Land mit weiten Ausblicken gelangen wir über die Morgenseite / Liščí kopec (505 m) nach Böhmisch Kahn / Velké Chvojno. Von Arnsdorf / Arnultovice schweifen wir ab und finden uns irrtümlich am Ortseingangsschild Gratschen / Radešín wieder. Wir beschließen mit einem Bogen den Aufstieg zum Gratschenberg / Radešín (550 m) noch in unseren Gang einzubeziehen. Hinter Seesitz / Žežice steigen wir in das Höllental, etwas zu früh. Darum sehen wir den Wasserfall von oben und müssen unterhalb desselben den Bach überqueren, ehe wir an der Basaltwand zu stehen kommen, von der der Bach herabfällt. Hier befinden wir uns bereits unter den Wochenendspaziergängern Aussigs. Wir bleiben im Tal und folgen dem Bachlauf. Rechterhand geht ein Weg hinaus zum Weinberg / Viniční vrch. Vom Aussichtspunkt mit dem Denkmal, welches Louis Eckelmann von seinen liebenden Kindern gesetzt wurde, blicken wir über ein Neubaugebiet hinab zum viertürmigen Schloss Schönpriesen und auf die Elbe.
Wir steigen hinab und schlängeln uns durch die wie Schaubühnenwände ragenden Plattenbauten in den Schlosspark. Dessen stadtseitiges Haupttor finden wir mit einer Kette versperrt. Aber neben diesem führt ein Schleichpfad direkt zu einer Zigeunerkneipe mit angeschlossener Spielhalle. Aus den Automobilen am Straßenrand tönt es balkanisch. Aus der dunklen Tresenhöhle werden drei halbe Großpriesener Märzen / Březňák geborgen. Wir verzehren diese stehend neben der Terrasse voller braunhäutiger Tschechen, deren Vorfahren einst aus dem Indus- in das Elbtal hergezogen kamen.
Wir erkunden vorsorglich den Großpriesener Bahnhalt, von dem wir eigentlich abzufahren trachteten. Hier möchte man nicht gern unbestimmt auf einen Zug warten. Viel gepflegter präsentiert sich die dahin führende Zigeunerstraße mit reinlichen, spielenden Kindern. Die Sesshaftwerdung dieses Völkchens, an der von Maria Theresias bis Klement Gottwald gescheitert wurde, scheint nun doch geschehen zu sein. Die Verzigeunerung der Bürger führt die Verbürgerlichung der Zigeuner mit sich. Uns ist es hier behaglich. Jedenfalls viel behaglicher als auf dem folgenden Weg durch das öde und baum- wie menschenlose Gewerbegebiet. Diesen Weg nehmen wir, weil in Schönpriesen alle Speiselokale geschlossen sind. Wir umgehen auf unserer Vorstadtwanderung nördlich den Aussiger Zoo, gelangen durch Villengebiete und Dörfliches schließlich auf den Mariannenfelsen, um den Blick zur Stadt zu gewinnen. Anders als im Winter, wo sich hier herrlich klare Bilder gewinnen lassen, liegt heute alles vor uns im hitzeflirrenden Dunst.
Wir steigen hinunter in die Stadt und entscheiden uns diesmal gegen das hippe Brauhaus und speisen in einer soliden Gaststätte mit Pilsner Tankbier, die den biederen Namen Brauereiausschank / Pivovarská šenkovna führt. Wir verweilen in Ruhe und nehmen einen späteren Zug nach Bodenbach, wo das preisgekrönte Bahnhofslokal bereits geschlossen hat. Darum langweilen wir uns diesmal im Crafts-Beer-Laden Café Bodenbach, Auf unserem Gang durch die Stadt erblicken wir diesmal jede Menge sehr derbe Stampen. Gegenüber unseren vorangegangenen Erfahrungen ist es ein Unterschied wie zwischen Sonnabend und Sonntag. Wir machen noch einen Abstecher zur pittoresken Synagoge am Aufstieg zur Schäferwand.
Dann geht es unverweilt nach Dresden, wo wir uns in der Mole in Pieschen mit einem Wanderfreundveteranen verabredet haben, dem es heute Morgen misslang zu uns zu stoßen. Der Ausstieg in Peischen misslingt, weil der Lokführer offenbar nicht bemerkt hat, dass einige Türen nicht gegen den Bahnsteig öffnen, sondern gegen die Seitenwand des Treppenabstiegs. Die nächstliegende Tür in selbiger Richtung ist außer Betrieb. Als wir dann die erste gängige erreichen, ist diese bereits verriegelt und wir fahren weiter nach Trachau und von dort mit der Elektrischen. Um Mitternacht werden wir sehr rasch von der Gasse komplimentiert. Bei der Gelegenheit lasse ich mein spanisches Wanderrohr, das mehr als Obstbaumhaken dient, dort zurück. Es wurde treulich bewahrt und mir am nächsten Abend ausgehändigt. Die Mole, als Späti mit Fassbier (Gersdorfer) sei empfohlen als unprätentiöser und gleichwohl gepflegter Ort geselligen Zusammenseins.
Gang über die Isertafel und eine Nacht auf dem Radobyl
21. und 22. Juni 2025
Da wir in der folgenden Nacht kein Bett aufzusuchen trachten, verlassen wir dieses nicht allzu früh. Erst gegen 7:40 Uhr treten wir die Reise in Radebeul an. Ab Pieschen sind wir dann zu viert. Der Vorzug der gewählten Verbindung besteht im raschen Anschluss. Bei insgesamt langer Reisezeit ein bedeutender Vorzug. Von Bodenbach geht es mit dem Zug nach Komotau bis zum Aussiger Westbahnhof, wo der Zug nach Lisa auf dem Nebengleis bereitsteht. Rechts elbig geht es über Melnik hinaus bis zum Endhalt Lissa / Lysá nad Labem. Die zwölfte Stunde neigt sich ihrem Ende. Lisa zeigt sich als ein lebenswertes Provinzstädtchen. Viele Menschen sind auf der Straße anzutreffen. Der Unterschied einer langfristigen tschechischen Besiedlung anzumerken. Hier besteht zumindest seit dem Königreich eine tschechische Stadtgesellschaft. Darin unterscheidet sich die Normalität der Städte wie Beraun, Raudnitz an der Elbe und eben Lissa an der Elbe von den nordböhmischen Städten Leitmeritz, Teplitz, Aussig und Tetschen, wo zwischen geschmückten Kulissen Prager und Kellner hin- und hereilen.
Freilich sind auch diese schön und anrührend. Gleichwohl handelt es sich, mehr noch auf den Dörfern spürbar, um Nebenschauplätze des Lebens. Während in den alt durchdrungen-tschechischen Städten die Aneignung des böhmischen Kleinstadtwesens durch die heutigen tschechischen Einwohner prägend ist. Sie haben sich dort noch vor 1918 in diese deutsche Lebensform eingelebt, ähnlich wie die Sorben in der Lausitz sich die dort von den Deutschen abgelegte Tracht so selbstverständlich aufnahmen, dass diese heute als sorbische Tracht gilt. Abgesehen von Einfuhren aus den umliegenden Feldern und Gefilden, wäre vorstellbar, dass sich hier die Stadttore schließen könnten und dennoch niemand etwas zu entbehren hätte an kleinen Läden, Handwerk, Einkehrmöglichkeiten, Freunden und Liebsten, Plätzen zum Flanieren, Erschauen des Ungewöhnlichen, Bedeutenden und Besonderen. In Lissa wurde 1898 der tschechisch-patriotische Sokol gegründet von den Mitgliedern der vom Prinzen Rohan ins Leben gerufenen Lissaer Bäuerlichen Versicherungskasse.
Wie das Ungewöhnliche durchdrungen und aufgefangen wird vom Gewöhnlichen, erleben wir im Schlosspark, der durch seine Verwendung zum Altersheim noch festlicher schlossartig zu strahlen vermag, als das ein museal verödeter Palast vermag. In gewisser Weise ist das Schloss noch ein gesellschaftlicher Mittelpunkt der Stadt. Vor dem instandgehaltenen aber nicht sanierten Gebäude sammeln sich die ebenfalls schon alten Kinder zum wochenendlichen Besuch um die Familiengreise.
Sie sitzen im Garten und plaudern, während auf den Wiesen hinter dem Schloss eine Wendemaschine und das Heu in Dämme zusammenschiebt. Wir gehen durch die Wege und entschlüsseln die Ikonographie der Skulpturen. Das Kerlchen, welches die Erde als Element vertritt, teilt sie als Kugel mit einem Spaten, dessen Stiel es zugleich mit zierlichen Fingerlein wie eine Flöte umspielt. Wir sehen Diana und Apoll, Ceres, die Monatsfiguren mit ihren Kennzeichen. Es ist das übliche Figurentheater, aber in der besonderen mürben Biegsamkeit, die den Figuren der Schule von Bernhard Matthias Braun eignet. Wir sind noch nicht durch alle Spaliere und Wege geschritten, als wir unversehens in einer Lücke durch die Mauer aus dem Schlossbezirk hinaustreten und nehmen den Weg um die Außenbegrenzung herumgehen, sodann in einen Hohlweg eintreten, der sich von Obstbäumen gesäumt zeigt. Wir tun uns an den Kirschen gütlich. Mittels des spanischen Rohres mit Krücke angeln wir uns die Zweige heran.
Kleine schwarz-weiße Fotos zogen mich 2011 in Begleitung eines befreundeten Steinbildhauers zum ersten Mal in diese Gegend. Wir besichtigten die sonderbaren Reste einer großen Landschaftskulisse. Außerhalb dieser Relikte lag das Land damals reizlos bis bedrückend um uns herum. Es war zeitiges Frühjahr, alles war bot sich eben und ohne Glanz den Blicken dar. Ganz anders wandelt uns die Gegend diesmal an. Als wir wieder ins Freie treten, sind wir von sanften Wellen umgeben und blicken hinunter in die Aue der Elbe, wo die Iser ihr entgegeneilt. Ähnlich wie wir auf diese heitere und fruchtbare Großzügigkeit schauen, wird der Profet Ibrahim mit den Seinen auf das ihm verheißene Land hinabgeblickt haben. Hier befand sich das bevorzugte kaiserliche Jagdgebiet. Der Vater des Graf Sporck wurde für Kriegsauslagen gegen die Türken als Reichsgraf mit dem Lissaer Gut entschädigt. Einer der Wanderfreunde bezeichnet zutreffenderweise diesen großen Nonkonformisten und tiefreligiösen Hanswurst als einen Donald Trump des 18. Jahrhunderts.
Alt-Lissa zeigt sich als ein gepflegtes Dörfchen. Nichts hier ist übertrieben. Die bei uns üblichen Zeichen von Wohlstandsverwahrlosung nehmen wir nicht wahr. Alles ist bescheiden, reinlich und heiter. Im Gasthaus nehmen wir einen Trunk und geben dem Mann an unserem Tisch Auskunft über unsere Absichten. Er macht uns begreiflich, dass Bon Repos nicht betretbar ist und offenbar geschossen wird. Über einen Waldweg gelangen wir kurz vor der Ortschaft Čihadla / Hieronimberg auf den Feldrand, wo wir einen intensiven Geruch von Erdbeeren wahrnehmen, aber keiner dieser Früchte erblicken. Über dem Dorf streckt sich der längliche Vogelberg, auf dem der Reichsgraf sein Schloss Bon Repos errichtete, nicht allein nur ein Schlösschen, ein ganzes Ensemble bedeutungsvoller Blickbeziehung.
Durch das Dorf steigen wir hinauf zum Hügel. Allerdings sperrt uns ein Tor, den Zugang zum Schloss Bezirk. Wir wagen den Wortwechsel an der Wechselsprechanlage, werden jedoch abgewimmelt: Privat. Anfang der 1960er Jahre wurde Monrepos zum Denkmal erklärt. Drei Jahre später nistete sich ein slowakisches Raketenbataillon dort ein. Alte Fotos zeigen den ochsenblutfarbenen Anstrich des Lustschlosses. Heute ist vieles restauriert und es werden Hochzeiten hier gefeiert. Wir gehen die Kastanienallee in der Achse des Berges weiter und treffen auf eine Kapelle mit eigenartig byzantinisch anmutenden Dachreiter. Es ist die Kapelle des heiligen Simeon des Styliten. Der Graf setzte einige Einsiedler-Stipendien auf Lebenszeit in seinen Liegenschaften aus. Die meisten sind unterdessen nur noch, wenn überhaupt in ein paar kniehohen Mäuerchen erhalten. Die vier Podeste um diese Kapelle sind leer. Zwei Engel auf der Schlossseite wurden nach Prag ins Museum barocker Bildhauerei im Schwarzenberg Palais verbracht. Die zwei riesigen Schädel, die ihre Zähne in Richtung kaiserliche Jagd bleckten, alte Streitfragen um das Wildrecht aufwühlend, wurden in den 1990er Jahren entwendet. Sicher wird das alles einmal rekonstruiert werden. Zu reizvoll und sprechend ist diese ganze Anlage. Vergleichsweise wenige Akzente müssten in ihrer Prägung wieder herausgebildet werden, um weite Beziehungen sinnlich erfahrbar zu machen. Ein provisorischer Pfad auf Sporcks Spuren ist schon auf Tafeln vermerkt.
Hinter der Kapelle überholt uns auf dem Feldweg ein Kastenwagen mit kleinrussischen Erntehelfern, denen wir auf einem riesigen Zucchinifeld wieder begegnen. Auch an Möhren- und Kartoffeläckern kamen wir vorbei. Vor dem Wald müssen wir elbwärts abbiegen, um die Autobahn zu queren, in deren Nähe dann wieder der Erdbeergeruch, diesmal mit den herrlichen Früchten dazu. Über Tankstelle und durch den Wald kommen wir oberhalb von Hlawanetz an. Wir treffen auf das schlichte aber formschöne Jagdschloss aus Kaiser Rudolfs Zeiten. Immer noch ragt es in seiner einfachen Würfelform über die kleinen Dorfhäuser hinaus. Dax Dach ist unterdessen erneuert und es wird weiter gebaut. Wir wenden uns zum Kaiserdenkmal mit dem Baldachin samt Hubertusdarstellung. An diesem schönen Platz, wo der Graf dem Kaiser endlich seinen Hubertusorden aufnötigen konnte, rasten wir eine ganze Weile. So lange, dass wir den Besuch der Doppelstadt Altbunzlau und Brandeis an der Elbe abermals aufschieben müssen. Im Dorf treffen wir auf einen uralten weißen Maulbeerbaum.
Durch den Wald eilen wir dem Altbunzlauer Bahnhof zu, der weitab der Stadt liegt. Zehn Minuten Verspätung des Schnellzugs von Kolin nach Aussig kommen uns entgegen. Ohne langes Warten langen wir gegen neun Uhr in Leitmeritz an und speisen ausgiebig vor dem Ratskeller mit Blick auf den Markt, der langsam in die Nacht sinkt. Nachdem wir n och etwas um die Brunnen und Plätze der schönen Stadt herumtreiben, im Macha-Haus vergeblich in eine geschlossene Feier drängen und alle Etablissements nacheinander schließen, lassen wir uns in der Rockkneipe Baronka / Baronin in einer Seitenstraße des Marktes nieder. Plaudern am Tresen mit tschechischen Projektmanagern, Fischern und Jägern (in Personalunion) spielen mit anderen Tschechen Tischfussball und brechen kurz nach zwei Uhr auf zum Radobyl.
Dabei machen wir in der dunklen Stadt mehrere Umwege, die sich als gelaufener Doppelknoten zur Anschauung bringen lassen. Irren um das Winterstadion, zur Elbbrücke und an Bahnlinien und Hospizen lang, fragen nach und nutzen schloeßlich doch das Handtelefon. Über einen verbuschten Seitenweg hinter dem Friedhof gelangen wir auf den weg der zum Gipfel des Radobyl führt. Unsere beiden Freunde sind gegen Mitternacht von Kriebstein aus aufgebrochen, um von der Elbseite zu uns hinaufzusteigen. Bald nach vier Uhr kommen wir dann zu sechst auf dem kahlen Gipfel zusammen, blicken zum Geltsch, zum Georgsberg, dem Milleschauer Donnersberg, Lobosch, Kletschen, Wilscht und Ronberg. Zu Füßen liegt der Zalhostitzer See, Theresienstadt, die Eger und Leitmeritz. Es stellen sich immer wieder irgendwelche Sportsleute auf dem Berg ein, um auf einer langen Stempelliste auch diesen Punkt zu vermerken. Wir schlummern und frösteln in die ersten Stunden des Tages. Kalt wird es seltsamerweise erst gegen sechs Uhr.
Frösteln dämpft den Übermut. Jedes noch vorhandene Stück wird übergezogen, selbst die wollenen Socken, um sie bald danach wieder abzuwerfen, als es bei unserem Abstieg gegen halb Acht Uhr rasch sehr heiß wird. Die Freunde wenden sich ihrem Fahrzeug zu und wir Wanderer fahren über Lobositz nach Aussig, wo wir einen Sommer-Komet, das Pendant zum deutschen Wanderexpress bekommen, der nur in Bodenbach und Schandau hält, um Dresden zuzueilen. Es sind wenige Tschechen im in dem alten Fernreisezug, die heute Dresden besuchen wollen. Hier darf man nicht im Tunneln und auf Bahnhöfen die Toilette benutzen, dafür aber das Fenster aufreißen. Unsere Unternehmung war eine Verschwörung zum Guten, eine Verknüpfung von Glücksfällen. Was hätten wir in Bon Repos gewollt, ist doch das ganze Land unsere beste Erholung?
Weserbergland
17. Mai 2025
Von Magdeburg aufbrechend beginnt die Reise für uns schon um fünf an einer Straßenbahnhaltestelle in Fermersleben. Die Vorplanung im März verhieß per Deutschlandticket eine unkomplizierte Reise von Magdeburg nach Porta Westfalica mit einem Umstieg in Braunschweig. Wenige Tage vor dem Aufbruch wird anderes in Aussicht gestellt. Für den in Jahrzehnten avisierten Deutschland-Takt müssen wir unterdessen einige Taktlosigkeiten hinnehmen. Also wechseln wir geduldig den Zug in Oebisfelde, sodann in Wolfsburg, um dann schließlich in Hannover einen weiteren Wanderfreund in unsere Reisegesellschaft aufzunehmen. Wir müssen in Minden noch einmal umsteigen. Trotz der vielen Umstieg verläuft bis dahin alles passgenau und insgesamt nur auf eine halbe Stunde mehr Fahrzeit heraus. Aber nun verzögert sich die Abfahrt des nur vierminütigen letzten Reiseabschnitts um immerhin 10 Minuten.
Auf dem Bahnsteig in Porta Westfalica erwartet uns die Vierergruppe der im weiteren Sinne hier einheimischen mit unserem Berliner Freund, der schon am Vortag angereist ist. Zu acht ziehen wir erst einmal in entgegengesetzte Richtung zu Berge.
Lässt man die Menschen gewähren, so beginnen sie schließlich alles zu übertreiben. Über den Weserstrom sind beide Pfosten der bedeutenden Geographie der westfälischen Pforte mit einem dynamischen Band verknüpft, welches unaufhörlich von Automobilen bestrichen wird. Auf dem westlichen der beiden Torflügel haben sie eine alberne Laterne abgesetzt, in Form einer durchbrochenen Glocke mit dem brutalistischen Fugenschnitt einer Talsperrenmauer. In diese zierlich-plumpe nZuckerdose mit dem bronzenen Kaiser Wilhelm I als zentralem Bonbon wollen wir kurzentschlossen hineinameisen. Dafür müssen wir neben dem fauchenden Individualverkehr über der Weserbrücke einhergehen, in dem Wissen, dass uns dieser Weg unweigerlich auch als Rückweg vor dem eigentlichen Antritt der Wanderung über den östlichen Flügel ein weiteres Mal blühen wird. Umso tiefer ergreift uns die Lieblichkeit der hügelumstandenen Flusslandschaft. Einer unserer Wandergastgeber rühmt sogleich begeistert die Ergebnisse der Renaturierung des Weserstromes, um und in dessen Lachen und Nebenarmen sich wieder allerlei Getier eingefunden hat. Hinter dem ruinierte Fachwerkhotel Kaiserhof mit verwaister Reithalle biegen wir in den Wald ein und steigen hinauf zum Kaiser Wilhelm Denkmal.
Oh, du armer zum Kaiser erniedrigte König von Preußen, Deine Erfahrung als Flüchtlingskind, (dorthin, von woher dann hundertvierzig Jahre später die überlebenden Deutschen nach Westen getrieben wurden), dessen Mutter diesen ihren Kummer nicht lange überleben sollte. Als Jüngling musstest du der einzig Geliebten entsagen und zuletzt an jener peinlichen und zerstörerischen Scharade teilnehmen, die sie Reich nannten und die nichts weniger als das ein solches war. Der deutsche Teilstaat konnte ebenso wenig oder ebenso viel Anspruch darauf erheben, ein Deutsches Reich zu sein, wie die Deutsche Demokratische Republik darauf, demokratisch und eine Republik zu sein.
Anders als auf dem Kyffhäuser, der anderen undeutschen Landschaftsverschandlung hält sich hier der Hohn auf die verspotteten Deutschen, wenigstens in Grenzen. (Um diesen überhaupt abzustellen, sollten wir sofort aufhören den Schaden zu haben.) Eine Möglichkeit bestünde im abgesicherten Verfall solcher Unorte. Das Kyffhäuserdenkmal, welches wir vor zwei Jahren besuchten, ist eine knirschende Tourismusmaschine, vergleichsweise beiläufig ist der Bronzewilhelm hier auf der Porta Westfalica abgestellt. Oder ist er damals einfach unkrautartig hier losgewachsen, wie eine Hauswurzpflanze auf der Krone eines Torpfeilers.
Der Kinderspielplatz, der hinter dem Denkmal errichtet wurde, weist in eine gute Richtung des Umgangs. Den einfachen und beharrlich-treuen Mann würde das sicher mehr freuen als der Bombast des späten zweiten Reiches. Einmal auf dem Wittekindberg laufen wir den, aus schwer nachvollziehbaren Sicherheitsgründen, gesperrten Wolfsschluchtweg, kommen vorbei an der Wolfsschluchthöhle, daneben aus der Felslehne gehauen, das verwitterte Relieffragment eines Ritters. Ein Schild des Mindener Bergvereins oben am Fels angebracht, erinnert an den hochherzigen Förderer Herrn Rudolf Leonard in Minden. Weiter in der unseren eigentlichen Vorhaben entgegengesetzten Richtung erreichen wir Berghotel und Terrasse des ebenfalls geschlossenen Berghotel Wittekindsburg, wo eine kurze Rast eingelegt wird, mit einem schönen Blick ins Wesertal.
Jener ostwestfälische Wandergastgeber zwei Hände voll Mettwürste, in Sachsen Knacker und in Thüringer Bratwurst genannt, auf den Tisch und lädt uns herzlich ein zuzugreifen. Auch von dem appetitlichen Brot zu brechen und zu schneiden, dessen Name und Herkunft er lange verschämt verschweigt. Da es gut ist, sei es hier genannt. Es ist Mister eins, hell, hergestellt in Karlchens Backstube in Herford.
An der kleinen Kapelle des Margarethenklus wird gerade ein Gerüst errichtet, auch hier wieder das Klapper der beiden gelassenen Männer mit den Eisenstangen etwas beruhigendes. Ein paar Schritte weiter finden wir die vor 30 Jahren ausgegrabene Kapelle in Form meines Balkenkreuzes mit einer bizarren Glaspavillon überbaut. Auf dem Bodenrost des umlaufenden Weges liegt ein toter Kernbeißer, der sich offenbar an dieser überflüssigen Behausung mitten im Wald, das Genick gebrochen hat. Der Rückweg führt uns am Moltketurm vorbei, dessen steinerne Wendeltreppe wir besteigen. Von oben blicken wir in frisch grüne Baumkronen. Abermals gehen wir über die drönende Weserbrücke. Ein kleines Stück hinter dem Kriegerdenkmal steigen wir bergan. Auf den Jakobsberg treffen wir auf die Steinquaderfügung des Leo-Schlageter-Denkmals mit Einschusslöchern und aufmontierten Eisengerüst, das zu besteigen wir verschmähen.
Dafür rasten wir dann unterhalb des eleganten Fernsehturms, wo eine lauschige Schwimmbadatmosphäre, nur ganz ohne lärmende Radiomusik uns umfängt. Getränke aus heimischer Produktion werden von ehrenamtlichen Herrn geruhsam für maßvolle Beträge ausgereicht. Nichts ist da touristisch, alles sehr beiläufig entspannt. Die völlige die völlige Kampagnen-Freiheit dieser Gefilde überrascht uns angenehm. Keine Themenwanderwege, kein Marketing oder zumindest nur sehr zurückhaltend. Diese Gegend sollte um Himmelswillen keineswegs mehr aus sich machen. Ihre Stimmung ist bestens präpariert.
Zweimal treffen wir auf unseren wegen auf Jugendliche Schwarzhemden, die mit der beadlerten Deutschlandfahne pausieren. Sie geben zu, aus Hamburg und dem Rheinland hierher gefunden haben. Mit dem Deutschlandticket führen Sie ihre Deutschlandfahne spazieren, ganz ohne transportable Musikboxen giftiger Mischgetränke und anderen wilden Flitter der gewöhnlichen Freizeitextremisten.
Bald verlassen wir die Fahrwege und biegen in einen reizenden Pfad ein. Da auch ich mich diesmal vertrauensvoll den Ortskundigen hingegeben habe, kann ich über Reihenfolge oder konkrete Punkte unseres Weges, keine völlig zutreffende Auskunft geben. Sehr reizvoll waren in einer Stelle der Austritt aus dem Wald auf offene Wiesen. Dann schlängelt sich der Weg wieder auf halber Höhe an der Oberkante eines Steinbruchs hinan, bis wir absteigen nach Kleinenbremen. Dort werden wir im Elternhaus des einladenden Wanderfreundes mit einem Eintopf und Trank gelabt. Nach dieser rast wenden wir uns wieder der Bergkette zu, um sie bequem durch den Sattel zwischen Steinberg und Papenbrink zu queren, sowie unter der Autobahntalbrücke hindurch nach Todenmann zu gelangen. Auf der alten Todenmanner Straße laufen wir gen Rinteln und erleben eine tschechische Stimmung im Industriegebiet und Bahnhofsviertel der Rintelner Nordstadt. Die von mäßigen Bergen überragte gleichgültige Sonntagsbehaglichkeit gemahnte sehr intensiv an typische Wanderabende in den Kleinstädten Nordböhmens. Auf unsere Züge müssen wir nicht lange warten. So haben wir unseren Horizont erweitert, ohne unser Weltbild zu überdehnen. Vertrautes und Überraschendes überblendeten sich zu einem wunderbaren Frühsommertag. Wir danken den Anregern und Wegebahnern dieser Unternehmung.
Klusbrücke und Schweinebrücke
Rückblick auf die Auenwanderung um Magdeburg
11. Mai 2025
Von Fermersleben laufen wir zwischen den Salbker Seen auf den Katzenwerder, wo wir den Magdeburger Dom in der Ferne erblicken können. Am Elbufer gehen wir bis zur Einmündung der Sülze in Salbke. Bald danach müssen wir um das Betriebsgelände von Fahlberg-List einen Bogen machen. Auf einem Sonntagsflohmarkt nahe dem Lesezeichen Salbke ergreift unsere Gefährtin die Gelegenheit eine dringend benötigte blaue Kappe für den Sonnenschutz zu erwerben. Auf der Schönebecker Straße laufen wir an erstorbenen Läden und Lokalen vorüber zur Fährstelle Westerhüsen.
Dem seit 1945 einzelnstehenden Turm der Stephanus Kirche in Westerhüsen kommen wir diesmal wieder nicht nahe. Der Kirchhof bleibt auch an diesem Sonntag, wie zu unseren letzten beiden Besuchen, abgeschlossen. Hier sollen zuweilen reizende Gottesdienste unter dem freien Himmel stattfinden. Die andere dominierende Landmarke, der dreiteilige Hochspeicher von Pfahlberg List, dessen einer Zylinder bei unserem Ausflug im letzten September im Abgeris stand, ist unterdessen vollständig ausgelöscht worden. Nur die Verladebrücke ragt noch in die Elbe hinein.
Nach der Überfahrt wenden wir uns zunächst nach links und gehen ein Stück auf dem Elbedamm entlang, den wir dann nach rechts wieder verlassen, um auf die Dornburger Alte Elbe zu stoßen, der Verlauf wir durch den Kreuzhorst folgen, bis uns eine Brücke auf die Pechauer Seite gelangen lässt. Um den Sportplatz herum stoßen wir auf das Landgasthaus Luisenthal. Was zunächst wie eine schäbige Baracke aussieht, erweist sich schon an der gedruckten Speisekarte als ein Restaurant mit Anspruch. Wir lesen dort von glasierten Wachteln und vielen Wildgerichten. Durch die gleichförmigen Barackenfenster hindurch sehen wir im Innenhof viele gut besetzte Tische unter den Bäumen aufgestellt. Wir gehen um das Gebäude herum an Repliken der kolossalen Köpfe der Osterinsel vorbei, nehmen Platz und werden freundlich bedient. Die Preise sind nicht völlig unverschämt. So verweilen wir an diesem unerwartet freundlichen Ort.
Dann laufen wir weiter durch Pechau, um den ursprünglichen Siedlungsort des alten Dorfes herum, der von Teichen und Pferdeweiden zwischen Obstbäumen umgeben ist. Anstelle der alten Siedlung liegt heute eine feuchte Wiese. Das über 1000-jährige Dorf schmiegte sich wohl in den früheren Hauptarm an der Elbe, der heute durch diese Lachen gekennzeichnet ist. Das neue Dorf wurde dann im zwölften Jahrhundert durch ein Locator mit flandrischen Neusiedlern begründet.
Wir nehmen die Brücke über die Umflutehle und laufen über den Klosterradweg, bis zur alten Klusbrücke, deren deren sanfte Rampe an osmanische Brückenbauten auf dem Balkan er erinnert. Bemerkenswert ist die Unregelmäßigkeit ihrer Breite. Als wäre gerade auf der höchsten Stelle der Brücke eine Ausweichmöglichkeit für Entgegenkommende vorgesehen, um niemanden zu demütigenden Warten am Ufer zu zwingen. Ein Zeugnis aus Zeiten, da das Leben ganz anders unpraktisch als heute, aber bedeutsam und feierlich vollzogen wurde. Ein altes Magdeburg Wappen ist eingefügt. Durch die Sanierung wirkt die Brücke derzeit etwas steril. Im Jahr 2017 wurde ein Putz nach historischen Vorbild aufgetragen. Laufen weiter durch die Auen nach Gübs. Hier lässt sich die Weltläufigkeit dieser stadtnahen Umgebung erfahren. Was einem um Magdeburg an Höhe und Profil versagt wird, das wird einem an Weite gegeben. An der Kiesgrube von Gübs vorbei gelangen wir wieder an die Umflutehle, an deren Ufer wir erst unter der unter der B1 der Berliner Chaussee hindurchgehen, sodann eine tote Eisenbahnbrücke unterqueren, der die russische Demontage noch anzusehen ist und die Richtung Magdeburg in einen Radweg ein mündet, sodann unter der intakten Eisenbahnstrecke zwischen Biederitz und Magdeburg mit den Abzweigen nach Berlin und Leipzig.
Bald danach gehen wir über die Schweinebrücke, von der berichtet wird, dass hier im Jahr 1970 Die von den Russen in Magdeburg Stadtfeld examinierten und im Wald bei Biederitz die mit Holzkohle verbrannten Überreste von Deutschlands Reichskanzler, Propagandaminister und einem Generalfeldmarschall, die Ehle gestreut wurden. Andere wollen ihm allerdings ein Jahrzehnt zuvor in Argentinien begegnet sein, als er längst in Magdeburg unter dem Stadtfelder Asphalt geruht haben soll. Allerdings befindet sich neben der westlichen Brückenauffahrt ein kleiner Besucherparkplatz, was nun wieder für die erste These spricht.
Diesem gegenüber befindet sich ein kleiner Stadtbadestrand. Mit der Magdeburger Straße gelangen wir nach Biederitz. Dieses gediegene Magdeburger Villenviertel für die Professoren und Kammervirtuosen erinnert an Markkleeberg bei Leipzig oder Blasewitz bei Dresden. Bei Leipzig und Biederitz erreichen wir den Zug zur Heimfahrt.
Auf dem Tannenberg
6. April 2025
Kurz nach sechs steigen wir zu zweit in Radebeul in den Zug. Ein Dritter gesellt sich dazu. Nach kurzem Umstieg fahren wir von Schandau nach Rumburg. Es ist schon hell und sonnig, wenn auch kalt. Es drängt uns, endlich loszugehen. Wir überqueren Wir ersteigen den Rauchberg, dessen Aussichtsturm saisonal gerade geöffnet hat, aber uns tageszeitlich verschlossen bleibt. Es ist kalt am Kopf und sogar an den Händen. Am Vortag hat es einen Temperatursturz gegeben. Und die Bangigkeit vor dem Aufbruch war groß. Da bleibt des Wanderers Intuition unbelehrbar. Die Erinnerung sagt, es ist immer besser gewesen als verheißen. Doch der Kleinmut hockt sich drauf und lässt sich nicht abschütteln.
Da das Trio ein ähnliches Schritttempo pflegt, wird es für uns ein in jeder Hinsicht erfüllter Tag. Was wir zu kennen vermeinten überrascht uns durch unerwartete Fülle. Wir laufen nach Schönlinde. Der Ort erhebt sich gleichermaßen über die gewöhnlichen böhmischen Landstädtchen wie auch über die Lausitzer Textilstädte. Schönlinde macht seinem Namen alle Ehre. Der Reichtum der ansässigen Tuchfabriken entstellte den Ort nicht. Zum Kirchhof führt über mehrere Absätze eine prächtige Freitreppe, wie eine kleinere Fassung der Treppen am Prager Burgberg. Der Schlauchturm der Feuerwehr neben der Kirche zeigt sich von allen Gewerken aufs schönste geziert. Als hätten die Zimmerer, Klempner und Maurer beispielhaft den Gemeinschaftssinn der Stadt in der Gefahrenabwehr darstellen wollen. Um die Kirche finden sich wertvolle Grabmale mit ruhenden Frauen und Knaben, deren eines hat der aus Dresden stammende Ferdinand Pettrich in Rom für Schönlinde ausgeführt. Pettrichs Vater hat auf dem Alten Katholischen Friedhof in Dresden-Friedrichstadt anmutige Grabskulpturen hinterlassen. Der Sohn modellierte ganzfigurig die amerikanischen Indianer für den Vatikan. Neben dem Stadtgottesacker finden wir den bronzenen Löwen, der Zweien von uns noch vom erschöpften nachmittäglichen Durchwandern des Ortes von Lichtenhain kommend im Jahr 2004 in Erinnerung ist. Als Einschub hier eine Betrachtung, die im Nachgang der Wiederbegegnung angeregt wurde:
Gedanken zum Böhmischen Löwen von Schönlinde
Das Denkmal wurde zum 60. Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josefs am Stadtgottesacker aufgestellt. Ein Bronzelöwe legt seine Pranken auf das Wappen mit dem preußischen Adler, obwohl dieser erfolgreich ihm in Königgrätz die Fänge in den Nacken schlug. An diesem Scheideweg degradierte sich das Reich zum trostlosen deutschen Nationalstaat. Seitdem haben wir den Schlamassel. Das durch Bismarck etablierte Deutsche Reich war vielleicht ein reiches Deutschland, aber ein Reich war es ebenso wenig, wie die DDR eine demokratische Republik oder die Bundesrepublik Deutschland noch Deutschland ist. Aber vielleicht ist dieses Denkmal als Mahnmal zu verstehen. Dann liegen die Tatzen des geruhsamen Löwen väterlich liebevoll auf dem flatterhaften Vogel. Zu sehen ist keine Überwindung, sondern das Bekunden von Zuständigkeit. Österreichische Geruhsamkeit mäßigt die preußische Umtriebigkeit. Das war ein Traum von Walter Harich, den auch sein Sohn Wolfgang zumindest bis zum Görlitzer Abkommen von 1950 weiterträumte: Ach, hätte doch der greise Wilhelm, dieser Jüngling aus den napoleonischen Kriegen, in landesväterlicher Milde und aus ökumenischer Weitsicht den katholischen Glauben zusätzlich angenommen, so wie Franz Josef die Untertanen des Augsburger Bekenntnisses gleichwohl als seine Lieblinge bezeichnete und mit den Rabbis in Galizien jiddisch parlierte. (Es iz geven zeyer sheyn. Es iz geven a freyd tsu mir.) Der Dresdner Bildhauer Moritz Clemens Grundig (1859-1939), ein Schüler von Johannes Schilling und Robert Diez, an dessen Brunnen auf dem Albertplatz in der Dresdner Neustadt er das Blumendekor ausführte, schuf 1923 einen weiteren lagernden Löwen in Grumbach bei Wilsdruff. Für die versöhnlichere Deutung seines Schönlindener Vorgängers spricht die Tatsache, dass der Meißner Löwe ein Rundschild mit dem sächsischen Wappen umfasst. Im Gegensatz zu seinem 15 Jahre älteren Gesellen hält er zudem die Klappe. Sein Maul ist geschlossen. Uns bleibt die Lehre, wie es vor hundert Jahren gelang, Denkmale zu errichten, die einerseits vollkommen dem Zeitgeist entsprachen, ohne sich in ihm aufzulösen, so dass ihre verhaltene Bildsprache Generationen sich klüger über unsere Lage ausspricht als Bände historischer Abhandlungen. In der ersten Republik wurden die Hinweise auf das Kaisertum mit allgemeinen Merkmalen ersetzt. So überstand der Bronzelöwe auch die Epoche der ČSSR, die auch den Böhmischen Löwen stets im Wappen trug.
Am anderen Rande des Friedhofs steht ein Mausoleum, das nach Entwürfen des Baumeisters des Berliner Doms, Julius Carl Raschdorff, für den Textilfabrikanten Carl August Dittrich errichtet wurde, der 1880 das Gelände für den Friedhof stiftete. Nach diesem Abstecher gehen wir um den Teich herum und queren beim Haltepunkt Krásná Lípa Mesto wieder die Bahnlinie. Unser Weg ist als Rollstuhlwanderweg markiert. Wir verpassen den vorgesehenen Abzweig und nehmen an einer etwas skurril erneuerten Dreifaltigkeitssäule den Weg am Waldrand längs zum Feldrain und gehen über Viehweiden hinüber nach Lichtenstein, dessen Häuser in Obergrund übergehen.
Durch die kleinen Fenster des Hotels Sonnenhof Slavie sehen wir die Sonntagsgäste zu Mittag speisen. So wie hier gehen wir auch an der gut besuchten Schänke am Skilift vorüber. Am Hang glänzen noch Reste des Kunstschnee, der von der Kanone vor wenigen Wochen noch ausgespien wurde. Auf dem Weg nach St. Georgenthal kommen wir am Schaubergwerk Johann Evangelist vorüber und unweit davon zur Villa und den Manufakturgebäuden des Textilfabrikanten Anton Münzenberg, der hier farbigen und bedruckten Cord, sowie Piké, Ryps, Oriental, Calico, Valis und Nankin fertigen ließ.
An einer Ecke des Marktes kehren wir in einem eleganten Bau aus den dreißiger Jahren zum Kaffeetrinken ein, um danach den Kreuzberg zu ersteigen. Die Verspottung des Heilands wiederholt und verstetigt sich in der abgeschmackten Darstellung seiner Leiden. Das brachte Ludwig Derleth zu dem Ausruf: Mit Jesus von Nazareth gegen das Christentum! Doch hier bringen farbig gefasste Reliefs das Schicksal des göttlichen Menschen überraschend nahe. Willensstarke und doch ausgesetzt wirkende Schergen hantieren mit bildfüllenden Gesten. Eine Kunst, die das Lächerliche nicht scheut und darum zuweilen ans Erhabene streift. Nichts ist hier bemüht originell im manierierten Sinne. Der Banause pflegt eine Hauptsache in den Mittelpunkt zu rücken und entweiht sie damit. Er verfehlt das Ziel, weil er es anpeilt. Er macht Jesus zum König der Juden. Ihm mangelt das Wissen von der Ballistik des Heils. Statt verkrampften Zielens, gelassenes Treffen, wie er es will. Der begnadete Künstler ist ein eher bäuerlicher Bildner. Er zeigt vor allem die Soldaten als ehrliche Handwerker. Es wehen die Fahnen, wirbeln die Gewänder und starren die Trompeten und Keulen in den blauen Himmel. Es gibt keinen Gegensatz zwischen dem Gejagten und den Häschern. Nur zusammen ergeben sie den Menschen als Akteur des Heils. Einige Bildbeispiele habe ich am Schluss angehängt. Sie sind keine große Kunst, aber große Wahrheit. Diese Bilder veranlassen im Anstieg tatsächlich einige Andacht und Predigt. Die herbe Kapelle auf dem Gipfel wirkt wie ein Wasserturm oder ein Stellwerk, die ganze Anlage dadurch wie ein Pumpspeicherwerk des Glaubens. Hinter Kreuzkapelle befindet sich noch eine kleinere Grabeskapelle.
Schließlich entscheiden wir uns den steilen Anstieg auf den Tannenberg zu nehmen und werden schon am Fuße des Berges von einem berückenden Weitblick gefesselt, der sich auf dem Aussichtsturm in alle Richtungen auffächert, über die Lausitzer Berge vom Riesen- bis zum Erzgebirge und das Böhmische Mittelgebirge. Wir blicken auf Lausche, Jeschken, die Bösigberge, den Kleis, den Milleschauer, den Říp / Georgsberg, den Tetschener Schneeberg. Der Fernsehturm auf dem Zinkenstein ragt über den Horizont. Auf dem Tannenberg steht ein Schillerdenkmal, umgeben von Steinplatten, welche in verschiedenen Schmuckschriften die Namen die Namen der umliegenden Ortschaften tragen, die zum hundertsten Todestag des Dichters damit ihre Verehrung bekundeten. Wir steigen über den Sattel zum Tollenstein ab und auf diesen hinaus, wo wir uns vor dem Lokal eine Kofola vom Fass genehmigen. Dann geht’s hinab zur Bahnstation Tannenberg, die fern jedem Ort am Fuße des Berges liegt.
Das Lokal ist täglich bis 23 Uhr geöffnet. Wir entscheiden uns zehn Minuten später den Zug nach Rumburg zu nehmen, womit wir allerdings nichts gutmachen, weil der über Schandau nach Bodenbach fahrende Zug dort erst anderthalb Stunden später anlangt. Unsere Entscheidung erweist sich gleichwohl als richtig. Wir besuchen das Restaurant Am Park, wo es eine umfängliche Speisekarte gibt, wie sie in derartig einfachen Lokalen nur noch selten anzutreffen ist. Der weißhaarige Wandersmann in Tarnklamotten an denen Wanderauszeichnungen baumeln ist von Rumburg mit uns gekommen und setzt sich gleichfalls in der Kneipe an einen Tisch zu einer älteren Frau. Uns schräg gegenüber ein blondes Mädel, die genauso zügig ihr Pilsner Urquell wegzieht, wie der auf dem ganzen Kahlkopf tätowierte Kerl, der ihr gegenübersitzt. Sie reden und scherzen unentwegt. Es ist eine gute Stimmung. Zur Forelle gibt es einen ganzen Berg golden glänzender Kartoffeln. Preise wie in Friedenszeiten. Hier wird das Varnsdorfer Katzenbier ausgeschenkt. Als die Kellnerin und der Wirt sich nicht blicken lassen, unterstützen uns die beiden jungen Leute dabei mit der Wirtschaft ins Reine zu kommen. Er fragt interessiert nach unserem Herkommen und Weg. Dann geht es 19:30 in der Dämmerung über Sebnitz nach Schandau und zügig weiter heimwärts.
Von Niedergrund zum Falkenberg
30. März 2025
In Schandau besteigen wir den ersten (oder zweiten) Böhmenexpresszug, der dieses Jahr von Dresden bis nach Leitmeritz verkehrt. Die Saison ist eröffnet. In Niedergrund laufen wir an der Kirche vorbei durch den Ort. Der Weg neben dem Gleis ist gerade eine Baustelle der Strabag, aber am Wochenende und während die Arbeit ruht, ohne Behinderung passierbar. Oberhalb vom Bahnhalt Tschirten / Čertova Voda halten wir am Aussichtspunkt, den commanding heights wie unser irischer Wanderfreund uns später mitteilt, eine Rast. Am Bahnhof Mittelgrund weichen wir dem Lärm und Stank tschechischen Rangierlok zum Bahnsteigende aus, wo wir die Einfahrt des besagten Kameraden von Bodenbach her erwarten. Er hatte die Stadt schon erkundet und war im Hotel zur Krone in Tetschen abgestiegen.
Zu dritt klimmen wir nach einem kurzen Irrgang hangaufwärts durch Klippen auf den oberen Querweg, der uns bei Peipert / Přípeř an der Dresdner Straße hinab zur Elbe führt. Dort langen wir zugleich kit der Durchfahrt der Elbe Princesse an. Das Kreuzfahrtschiff mit Heckschaufelrad und Tiefgang unter einem Meter sah ich vor anderthalb Wochen in Fermersleben bei Magdeburg flussaufwärts passieren. Es ist keine zehn Jahre als und für die Fahrt von Berlin nach Prag gebaut worden. Der Hungerstein steckt zum größten Teil unter Wasser, wie es sich für das Frühjahr gehört. Da keine seiner drohenden Inschriften sichtbar ist blicken wir nur aus der Ferne hin.
Auf der Tyrsch-Brücke wechseln wir hinüber auf die Tetschener Seite, am Logis unseres Freundes am Masaryk-Platz vorbei in Richtung Elbhafen. An einem burgartigen Wohnkomplex erblicken wir die Inschrift Goethe-Hof. Das gewaltige Schützenhaus ragt vor uns auf. Quer über die vielbefahrene Straße besteigen wir auf dem kürzesten Weg die Klippe mit dem Bohemia-Belvedere. Wie die Saxonia über dem großen Bogenfenster am Eingang des Dresdner Hauptbahnhofs und die Bavaria vor der Münchener Ruhmeshalle, reckt sich auf dem Dach des Ausgucks die weibliche Personifikation des Landes. Im Park am Fuße des Quaderbergs laufen wir durch ein Aboretum mit beschilderten Bäumen. Am Rande des Neubaugebiets der Tetschener Neustadt suchen wir ein einfaches Lokal auf. Im Kentaurus sitzen schweigend die bärtigen Trinker am Tisch gegenüber dem Tresen, an dem eine kleine mütterliche und eine hagere dunkelhaarige Frau walten. Wir schwadronieren über die jüngere böhmische Geschichte und bemerken nebenbei, wie sehr unser Gespräch den beiden Frauen zu behagen scheint. Besonders die Dunkle blickt fast schwärmerisch in unsere Richtung. Ihre Gefährtin bedient und kassiert uns sehr zuvorkommend. Das Trinkgeld müssen wir ihr aufdrängen.
Wir gehen aus dem Kessel hinaus in Richtung Falkendorf, von wo die Straße sehr lang und gerade ansteigend hinaufführt. Am Ende der Straße befinden wir uns schon auf der Höhe des Falkenberges und müssen nur einen gelinden Feldweg bis zum Aussichtsturm schlendern. Der Turm ist noch verschlossen, aber inzwischen hat sich der Himmel auch zugezogen. Während unserer Rast beginnt es zu nieseln. Wir wenden uns weiter in Richtung der Weiden, Wiesen und Hügel, machen aber einen entscheidenden Fehler, abgelenkt vom fortgesetzten Gespräch über die nämlichen unerschöpflichen Themen und vom einsetzenden Regen, den farbigen Kreisen unserer Schirme über dem Haupt etwas irritiert, biegen wir unversehens auf die Straße, die wir kamen und bald kommt wieder der riesige Schornstein des Kraftwerkes und die Plattenbauten Tetschens in Blick.
Da wir uns nun schon so weit verstrickt haben, entscheiden wir wieder hinab ins Tal zu gehen, aber einen anderen Weg zu wählen und über die große Straßenbrücke zum Bahnhof zu gehen. Durch Industrieanlagen und Eisenbahn ist das Gelände stark zerteilt und wir müssen einen weiten Bogen um das Heizwerk beschreiben, um das Ufer des Polzen zu erreichen. Dabei kommen wir an dem großen Gestüt des Wenzel von Thon-Hohnstein vorüber. Am Ufer des Flüsschens steht so mancher vielstöckiger Fabrikkasten mit gleichmäßigen Fensterfronten. In Nordböhmen war die Industrie Österreichs. Das wird hier deutlich. Wir kommen an einem wieder in Betrieb genommenen Wasserwerk vorbei. Mit dieser bedeutenden, kaum lieblich zu nennenden und doch nicht gänzlich hässlichen Stimmung ähnelt diese Gegend dem Regent’s Canal in London oder dem Weisseritzufer in Freital.
Die Fußgängerpromenade ist kürzlich erst verlängert worden bis an die Elbwiesen und führt am untersten Ende um ein Einkaufszentrum und Schwimmbad herum. Wir erreichen die steineren Polzen-Brücke von 1569 mit der barocken Figurengruppe von Veit, Nepomuk und Wenzel, die Johann Brokoff dreißig Jahre nach seinem Nepomuk auf der Prager Karlsbrücke ausführte, bevor über einen der Seitentreppentürme auf die große Straßenbrücke hinaufsteigen und in einer Art umlärmten Paradestraße weiter auf die Berge des böhmischen Mittelgebirges zulaufen. Wir verlassen die Brücke nahe der Mündung des Eulauer Bach und gehen um das Sokolgelände herum, Sport wird getrieben, aber die Gaststätte mit dem großen Schaufenster auf die Gladiatoren ist geschlossen, zum Hintereingang des Bahnhofs.
Unser Freund bekommt am internationalen Schalter sogar einen günstigeren Fahrschein nach Berlin als andere Auskunftsmittel in Aussicht stellten. Wir sitzen noch einen Augenblick bei Bier und Malinovka vom Fass in der Bahnhofswirtschaft, die vor drei Jahren von einer Eisenbahnzeitung zur besten gekürt wurde und besteigen nacheinander unsere Züge. Wir zwei fahren eine halbe Stunde zuvor mit dem Expresszug von Leitmeritz nach Dresden Hauptbahnhof, wo wir noch auf die S-Bahn nach Radebeul wartend, unseren den tschechischen Schnellzug einfahren sehen. Er hat uns auf der Strecke überholt. Mit vielen undynamischen Dynamofans quetschen wir uns in die Bahn und langen aufgrund der Zeitumstellung noch im Hellen daheim an.
Von Gersdorf nach Löbau
23. März 2025
Als Anstifter der Unternehmung hätte ich um ein Haar mit zwei Gefährten den anderen fünf Wanderburschen hinterdrein fahren müssen. Abgelenkt durch Fahrkartenkontrolle und Gespräch fuhren wir am Neustädter Bahnhof vorbei und über die Elbe. Als ich mich darauf besann und wir am Haltepunkt Freiberger Straße hektisch und unbesonnen aussteigen fährt am benachbarten Gleis der Trilex nach Görlitz durch. Obwohl wir nun Minuten auf die gegenläufige S-Bahn warten, gelingt es dennoch in Neustadt, den auf dem gegenüberliegenden Gleis wartenden Zug zu besteigen. Nach diesem jähen Schreck und dem Vorlauf einiger abgekürzter und -gebogener Wanderungen in diesem Jahr, vollzieht sich im weiteren Tagesverlauf alles, wie angedacht. Weitere Gefährten steigen in Arnsdorf, Großharthau, Bischofswerda und Löbau zu.
In Gersdorf gehen wir durch den Schloßpark und weiter am Lauf des Weißen Schöps entlang, lassen wir Deutsch Paulsdorf rechts liegen. An zwei grünweiß-sächsisch und schwarzweiß-preußisch gestreiften Grenzsteigen steigen wir hinan zum Paulsdorfer Spitzberg. Oberhalb der Basaltsäulen lagern wir auf dem Hauptgipfel. Darüber liegen noch zwei kleinere Klippen, deren höhere einen gemauerten Pfeiler trägt. Dieser ist in der Königlich-sächsischen Triangulierung nicht vermerkt und könnte späteren Datum sein, wofür auch die weniger aufwendige Herstellung spräche. Der Nordhang des Spitzberges wird von einem Friedwald eigenommen. Wir nehmen den Weg durch den Wald nach Mittelsohland, wo das Schloss Mittelhof auffällt. Das Dorfcafé öffnet erst gegen zwei Uhr. Also steigen wir hinan zum Rotstein, wo wir allerdings auch auf ein geschlossenes Berghotel treffen. Wenn auch die Tische im Saal eingedeckt sind, gibt es doch keine Spur irgendeiner Betriebsamkeit. Der Aufstieg führt uns bei der Teufelsstein genannten Klippe am Kriegerdenkmal des Turnvereins Sohland am Rothstein vorbei. Wir ersteigen den Aussichtsturm, versäumen allerdings den alten Abschnittswall im Süden zu begehen, der auch die klassische Triangulationssäule mit Aufschrift trägt. Am artenreichsten Berg der Lausitz sehen wir das Leberblümchen blühen. Lerchensporn, Buschwindröschen und Veilchen begleiteten schon zuvor unseren Weg.
Wir entscheiden uns den nördlichen Weg zum Löbauer Berg zu nehmen. Nach dem Abstieg haben wir diesen hinter den Feldern vor uns. Ein im Görlitzer Zug durchreisender Wanderfreund erblickt uns bei Dolgowitz auf dem Feldweg neben dem Bahngleis und meldet sich sogleich. In Wendisch-Paulsdorf lassen wir dessen Bruder zurück, der sich von seiner Frau abholen lässt. Wir überqueren die Bernstädter Straße und steigen hinaus auf den Löbauer Berg. Drei von uns machen einen Abstecher zum Schafberg mit den Klippen des Goldkellers und der Kaisergrotte. Am Friedrich-Augustturm finden wir wieder zusammen und kehren in die Wirtschaft ein, die nur durch die Freundlichkeit der Kellnerin für sich einnimmt. Ein Freund eilt voraus bergab, wie, er einen Zug eher bekommen will, was ihm glückt.
Für uns verbliebenen sechs Wanderer geht es nun abermals an Steinbruch und Kriegerdenkmal bergab. Wir erreichen Löbau am langgestreckten Friedenshain an dessen bergnahem Ende ein Obelisk an den Sieg im Deutsch-französischen Krieg erinnert. Eine schmale Allee führt zu dem, was vom Denkmal für den Deutschen Kaiser Wilhelm übriggeblieben ist. Ein weiterer Gefährte strebt seinem morgens hier abgestellten Gefährt zu. Am Bahnhof kommt bald der Zug nach Dresden. In Bischofswerda fahren wir unter einem abenteuerlichen Gerüstgestänge hindurch. Am Bahnhof wird die Unterführung gebaut. Die Passagiere müssen so lange auf einer filigranen Notbrücke die Gleise queren, die, wie uns der Schaffner versicherte, bis heute keine reguläre Bauabnahme erhalten hat.
Von Könnern nach Belleben und Sandersleben
Saalewanderung IV
16. März 2025
Der Dresdner ließ sich, vielleicht auch wegen der letztlich völlig unbegründeten Sorgen um die Wettergunst, nicht um Fünf Uhr auf die Eisenbahn nach Leipzig nötigen. Ein Leipziger verschlief und beschuldigte den Mond, was wir nicht gelten lassen, weil der Vollmond im Zeichen der Jungfrau in der Vornacht prangte. Auch ich wälzte mich und zur lunaren Folter trat die thermische Belastung, denn ich hatte vergessen die Heizung abzudrehen, während ich auf dem Wohnzimmersofa vor mich hin fieberte. Zwar war ich rechtzeitig wach, wach geblieben aber die Straßenbahn ließ mich mit acht Minuten Verspätung derartig im Stich, dass ich im Magdeburg Südost den Hallenser Zug wie ein Wahnsinniger rennend nur darum noch erlangte, weil er sich seinerseits um zwei Minuten verspätet hatte. Auch sollte das am heutigen Tag nicht der letzte Personenschaden bleiben.
Auch in Halle wurde es knapp. Doch der Leipziger Wanderfreund stand ungerührt vor dem Göttinger Zug. Der Lokführer hatte Verzögerung angemeldet, um sein Wasser anzuschlagen, was in der Nähe der Wachsamkeitstaste unmöglich ist, soviel zu irrtümlicher Betätigung einladende Tasten auch das geschlossene Abwassersystem flankieren. Die punktförmige Zugbeeinflussung lässt sich mit ihnen nicht abwehren. Minutenlang saßen wir noch im ruhenden Zug, bis der sich in Bewegung setzte. Der nächste Halt war schon Könnern, wohlbekannt, und zwar nicht nur im Guten von zwei Streifzügen aus dem Jahr 2023. Der Dresdener tauchte, wie schon gesagt, nicht auf, aber ein weiterer Leipziger gesellte sich, wie verabredet zu uns.
Wir liefen im menschenleeren Könnern über einen Leninplatz, streiften aber diesmal nicht Kirche und Markt, sondern bogen gleich davor rechts in die Straße zum Nelberner Grund in Richtung Saaletal ab. In der Morgenfrühe kamen uns mehrere Hundehalter aus dem Grund entgegen, die zu einem behaglichen sonntäglichen Frühstück streben mochten. Längs der Saale zeigt sich ein schöner Baumbestand aber am Ufer treffen wir auch auf den brachialen Bau einer Lände, wohl für das nahegelegene Betonwerk bestimmt, stählerne Spundwände sind an das Ufer und das Bett der Saale getrieben. Nahe dem Ausflugslokal Georgsburg treffen wir auf den Gedenkstein für den Maurermeister Freymuth. Wir vermuten, dass er Maurer und Meister im übertragenen Sinn war, wie ja auch und seinem Namen etwas Brüderliches und dem Gebäude Logenartiges eignet. Letztlich stimmt beides. Freymuth war ein gewerblicher Maurermeister und Logenbruder, die Heinrichsburg das Könnerner Logenhaus. Eine Zeitlang gab es vor diesem eine Dampferanlegestelle. Heute birgt es ein italienisches Restaurant. Zuvor konnte ließ sich dort für einige Zeit indisch speisen. Ist nun damit ein maurerischer Traum in Erfüllung gegangen? Alle Menschen werden Kantinenbrüder einer Welt.
Wir gehen, so nahe es sich gehen lässt, am Fluss entlang und erblicken dadurch das Trebnitzer Schloss nur durch die Büsche und Baumwipfel. Vom Ort nehmen wir nichts wahr. Dafür erblicken wir an der Saale hellen Strand vom Biber sauber abgenagte Bäumchen liegen. Auch dieser ein fleißiger gottgewollter Bauarbeiter an einer ihm besser dünkenden Welt, wie die anderen Betoninvestoren und Maurermeister. Vor Alsfeld ragt die Ladebrücke des Gipstagebaus Beesenlaublingen in den Fluss. Am gegenüberliegenden Ufer sehen wir bei Gnölbzig den Salzbach in die Saale rinnen. Wir langen an der Brücke in Mukrena an, unter deren Bögen Boote und Schiffe zu sehen sind, die auf der dortigen Schiffswerft Fischer, einstigen Karl-Grieseler-Werft, liegen. Aus der VEB Schiffswerft Mukrena stammen die acht Fahrgastschiffe der Stadtbezirksklasse 2, die heute noch den Ausflugsverkehr auf Müritz, Schweriner See und auf den Berliner Wasserstraßen bestreiten.
Alsfeld hatte große Bedeutung in der Flussschiffahrt. Schon im 16. Jahrhundert unter Kurfürst August wurde Kupfer aus dem Mansfeldischen von hier bis zur Elbe geschifft und dort umgeladen auf größere Kähne, die nach Dresden fuhren. Ein bedeutendes Bauwerk ist die 1927 durch Dyckerhoff und Wydmann errichtete Spannbetonbogenbrücke. Bis ihn die Sowjets abschafften musste ein Brückenzoll entrichtet werden. Wir wechseln das Flussufer und betreten Alsfeld durch das Saaletor. Auch hier scheinen mehr Katzen als Menschen zu leben.
Das empfohlenen Wirtshaus zur Brücke am Markt ist heute geschlossen. Am Sportplatz treffen wir dann alle Alsfelder, die sonst nirgendwo zu erblicken waren. Vollfarbig kostümierte Kinder rennen über zwei Spielfelder. Im Sportkasino werden Kaffee und Kuchen ausgeschenkt. Wir lassen uns davon geben, was für einen von uns übel ausschlägt. Einige Straßen weiter kehren wir noch in Bauers Radscheune ein. Der Wanderfreund kommt nicht dazu die Bauers nach ihrer indischen Fahrradtour auszufragen. Ihn befällt ein Schüttelfrost in einem Maße, dass es ihn kaum auf dem Stuhl hält. Der Tremor lässt sich nicht wegscherzen.
Wir beschließen unser Glück mit dem Anruflinienbus zu versuchen, den wir zwar nicht mehr in der Frist rufen konnten, der aber vielleicht aufgrund eines anderen Passagiers seine Runde fährt. Auf dem weg zur Haltestelle in Brückennähe ergießen sich obenhin aus dem gemarterten Leib unseres Gefährten drei rotbräunliche Fontänen. Wir dämmern dann einige Zeit an der Bushaltestelle und schauen auf die gegenüberliegenden Liegenschaften. Den erwarteten Bus hat niemand bestellt. Zur Auslösung des nächsten fehlen vier Minuten. Er muss mindestens 60 min vor der fahrplanmäßigen Abfahrt bestellt werden. Das Blitzmädel mit dem slawischen Akzent ist dem System unterworfen, welches meldet 56 min. Fahrt kann nicht bestellt werden. Erst jetzt beim Niederschreiben fällt mir ein, dass ich einfach die nächste Haltestelle hätte angeben können, zu der wir eine halbe Stunde vielleicht uns mit unserem siechen Gefährten hätten schleppen können. Anstatt dessen beschließen wir, sobald der Invalide ausreichend erholt ist, die reichlich fünf Kilometer bis zur nächsten Bahnlinie bei Belleben über die Felder zu gehen.
Bis zu unserem Ziel in Bernburg wären es noch 17 Kilometer. Ein Taxi zu rufen, wird verworfen. Letztlich brauchen wir deutlich länger und laufen mit mehreren Abstechern in einen reizenden Gründleins des Schlackebach, über die Felder und an der Wüstung Reckewitz vorbei, verlaufen uns ins Gelände des alten Bahnhofs Belleben, wo wir einen steilen Hang aufentern müssen. Die beiden Leipziger stehen wenige Minuten vor Ankunft des Zuges nach Halle am Bellebener Haltepunkt. Da die Anzeige zuversichtlich stimmt, warte ich den Zug nicht ab und gehe gleich los, am Palmenhaus vorbei und über die abendlichen Feldwege nach Sandersleben, wo ich nach weiteren sechs Kilometern rechtzeitig den Zug nach Magdeburg erreiche.
Gang durch die Lommatzscher Pflege
Von Ostrau nach Schieritz
9. März 2025
In zwei Fahrzeugen treffen wir am Meißener Bahnhof zusammen, um zunächst eines am avisierten Zielort beim Schloss Schieritz zurückzulassen und sodann zu dritt mit dem anderen nach Ostrau zu fahren, wo wir unseren vierten Gefährten erwarten, der mit der Bahn von Döbeln angereist kommt. Als er aus der Unterführung auftaucht, gehen wir vereint in Richtung des Ostrauer Dolomitbruches los, der seit 1999 als Naturschutzgebiet ausgezeichnet ist. Auf der gegenüberliegenden Seite des Grundes, der vom Birmenitzer Dorfbach durchflossen ist, sind lange Personenzüge auf den Betriebsgleisen abgestellt. An einem Aufschluss einer Felswand sind die Schichten des Ostrauer Plattendolomits zu erkennen. Nebenbei: Die tägliche Ernährungsempfehlung für diese Verbindung von Kalzium und Magnesium lautet 1 EL (4g) in Wasser oder Fruchtsaft gerührt. Auch anderen Wesen scheint dieses gut zu bekommen: Auf einer Wiese erblicken wir die ersten Märzenbecher. Sie glänzen in ihrer weißen Pracht, wie frisch ausgepacktes Porzellan, umstanden von Winterlingen im übertauten Gras.
Hinter dem Steinbruchgelände erreichen wir das alte Forsthaus. An der Straße wenden wir uns nach Süden und erreichen bald Ottewig, wo wir uns am Dorfteich verfranzen und am Ortsazsgang nach Lüttewitz noch einmal umkehren müssen, um über Glaucha zum Schleinitzer Grossholz zu gelangen. Bevor wir auf der Höhe der Sandgrube Inge Dietze bei Churschütz in den Busch abbiegen, rasten wir auf der Bank an der Nagelschen Säule der Schleinitzer Höhe. Der Boden des Eichen-Buchenwalds ist wiederum von makellosen Märzenbechern bestanden, denen noch als ältere Geschwister Schneeglöckchen beigesellt sind. Auch Winterlinge und vereinzelte Krokusse treffen wir an. Und es begegnen uns hier die ersten Wanderer, welche die Erwartung eines solchen Anblicks herbeigelockt hat.
In Schleinitz beschauen wir die schlichte Form der sächsischen Meilensäule mit bereits verwitterten litauisch-polnischen Wappen, gehen um das Schloss herum um eine Runde zum Petschwitzer Holz zu beschreiben. Petschwitz ist voller abgestellter Fahrzeuge und über dem zusammenhängenden Teppich der weißen Blüten bewegen sich die weißen Häupter der Märzenbecherbeschauer. Es wird eng auf den schmalen Pfaden durch das kleine Wäldchen, aber es wirkt erheiternd, zu sehen, wie die ernsten älteren Leute durch die Fülle der zartweißen Blütenbechern schwanken. Die kindlich Gerührten mahnen an die abscheidenden Seelen, die über Asphodelenwiesen dem Schattenreich entgegengeistern und wir sind unter ihnen.
Das Auftauchen aus dieser Traumwelt ist ernüchternd, indem wir der Schnellstraße S 32 bis Schwochau folgen müssen. Teils können wir auf den Feldrand ausweichen. Dabei passieren wir mehrere große Stallkomplexe, zuletzt biegen wir an der Geflügelfarm durch Schwochau zum Schwochauer Bach, dem wir bis zur Bahnunterführung unter der seit 2008 stillgelegten Riesa-Nossener Eisenbahn folgen. Hinter Zöthain gelangen wir am Kuhberg vorbei nach Großkagen und damit in den eindrucksvollsten Abschnitt der Tagesreise. Die Sonne steht tief und modelliert die hügelige Landschaft, die hinter Großkagen von Wiesenhängen geprägt ist und viel an die linkselbischen Täler zwischen Meißen und Dresden erinnert. Wir entschließen uns zu einem Abstecher über Priesa, wo wir mit einem Einwohner ins Gespräch kommen, dessen Buchsbaumhecken wir bewundern. Der alte Herr berichtet davon, dass es Fotos gibt, die ihn auf einem Dreirad vor den Buchsgängen zeigt. Beflissen ist er bemüht den schrecklichen Zünsler in Schach zu halten. Wo es ihm nicht gelingt, pflanzt er nach.
Priesa ist mit seinen drei großen Wohnstallhäusern mit den großen Torbogendurchfahrten ein besonderes Beispiel für ein Bauerndorf der Gegend. 1605 schon sind drei besessene Mann beurkundet. Heute hat das Dorf zwei Dutzend Einwohner. Im zweiten Reich war die Zahl auf über sechzig angeschwollen. Da Priesa durch keine Straßendurchfahrt oder bauliche Entstellung heimgesucht wurde und alle Bauten noch an ihrer alten Stelle stehen, also weder von Musealisierung noch Wohlstandsverwahrlosung, handelt es sich vielleicht um eines der schönsten Dörfer der Gegend. In einem kleinen Busch nördlich des Ortes sind steile Pisten und Kurven für Endurofahrer angelegt, die wir beim Vorübergehen tatsächlich mit frischen Spuren gepflügt vorfinden. Wir steigen weiter hinunter ins Ketzerbachtal.
Das Schieritzer Schloss ist schon von weitem zu sehen. Ebenfalls von weiten zu sehen und zu hören ist der Kraftomnibus nach Meißen, den wir ursprünglich zu nehmen beabsichtigten. Zwei Stunden darauf, gegen acht Uhr Abend fährt ein weiterer, letzter des Tages. Über die Bogenbrücken gelangen wir an der Schlossmühle vorbei zum elektrifizierten Kraftfahrzeug, mit dem es zurück nach Ostrau geht, wo wir uns nach Abfahrtsrichtung auf beide Fahrzeuge verteilen. Der besondere Eindruck, den diese Landschaft diesmal auf uns machen konnte, liegt in der Gnade der Jahreszeit begründet. Fettig glänzte die vom Pflug umgeworfene fruchtbare Erde. Nirgendwo versperrte übermannshoher Mais die Sicht. Noch wurde der Raumeindruck kilometerweit vom sterilen Rapsgelb verflacht. Einige der schattenlosen Wege waren aufgrund ausgewogener Temperaturen noch ohne Strapazen passieren. Die Wirtshäuser dagegen bleiben das ganze Jahr geschlossen. Auch sind wir bislang oft die Täler von Nord nach Süd in die Pflege hineingelaufen und diesmal hielten wir uns in der West-Ost-Richtung etwas weiter oben. Dieser Streifzug darf also schon heute als einer der gelungensten des Jahres verzeichnet werden.
Geiersberger Pass
Von Mariaschein nach Lauenstein
1. März 2025
Die Wetteraussicht war die denkbar mieseste. Den Erzgebirgskamm bei Minusgraden, Wind und Schneefall zu queren erschien beim Aufbruch gegen Sieben unter dem grauen Himmel des Dresdner Elbtals völlig widersinnig. Auch meine Zuversicht, dass sich alles vor Ort schließlich ganz anders und viel erträgliche bis glorreich darstellt, war komplett zuschanden gegangen. Viertel vor Acht fuhren wir dann zu dritt mit dem Teplitzer Kraftomnibus und hatten alle Hoffnungen auf einen glimpflichen Ausgang fahren gelassen. Die treusorgende Frau legte mir in der Tür noch einen zweiten Schal um. Die Handschuhe jedoch, die mir auch von ihr bereitgelegt wurden habe ich schnöde vergessen. Der eine erfahrene Mitwanderer hatte sich Wechselkleidung mitgebracht, der andere schien noch ungerüsteter als ich.
Zunächst trösten wir uns mit der Aussicht, dass an unserem Ausgangsort am böhmischen Fuße der der Pultscholle, Mariaschein seinem Namen ersteinmal mit Sonnenglanz Ehre einlegt. Und tatsächlich uns schon die renovierte Fassade des Teplitzer Hauptbahnhofs grell in die Augen. Eine Gruppe, die mit uns im Bus ankommt strebte zum billigen tschechischen Fernbus nach Prag. Wir gaben dagegen unsere erprobten Fahrpreisermässigungstricks durch umständliche Streckenteilung aus, zu fünft mit Sachsen-Böhmen-Ticket bis Kralup an der Moldau etc. pp., wie wir es im April 2023 bei unserem Streifzug durch Barrandow erprobten. Nebenbei erfuhren auf der Durchfahrt in Eichwald, dass die dortige Porzellanmanufaktur ein Ableger der Meißener sei, um in den Reichszeiten durch lokale Herstellung die österreichischen Zollschranken zu umgehen. So wären hier noch heute die Meißener Formen für einen Bruchteil des dort üblichen Preises erhältlich. (Nachträglich lässt sich konkretisieren, dass die böhmische Fertigung zur Verbreitung des traditionell Meißener Zwiebelmusters in Österreich von der Meißener Firma Teichert 1886 übernommen wurde.)
In Erwartung den Sonnenschein des Vorgebirges hinter uns lassen zu müssen fahren wir zwei Bahnstationen bis Mariaschein. Dort beschauen wir uns den Bezirk der Klosterkirche. Das bischöfliche Gymnasium ist heute noch ein Schulkomplex von gewaltiger Ausdehnung. Dann gehen wir zwischen Berghang und Ziegenbahn bis nach Untschin. Am früheren Ferien- und Genesungsheim für Bergarbeiterkinder geht die alte Dresden-Teplitzer Poststrasse bergan zum Geiersberger Pass. Wir betreten die abgesperrte Geiersburg. Eindrucksvoll ragt der Turmrest aus dem Wald. Sein Sockel und die eine verbliebene Kante sind aus zugehauenen Sandsteinquadern gefügt.
Durch den Hangwald erreichen wir die Voitsdorfer Ebene, wo es tatsächlich für ein Weilchen etwas unbehaglich wird. Aber der Schneefall bleibt aus und die Sicht wird uns auch nicht völlig benommen. Auch zeigt sich die Wolkendecke an einigen Stellen lockerer und lässt hoffen. Wir entscheiden uns zu einem Abstecher zum Mückentürmchen. Und wie wir in der Gaststätte Platz genommen haben, bricht die Sonne durch und wir blicken aus dem Fenster in die überstrahlte Schneefläche. Wir folgen der Müglitz bis zum Grenzübergang bei Gottgetreu.
Steigen bald dahinter aus dem Müglitztal wieder hinauf auf die Felder, erblicken die Kegel des nahen Geising- und des ferneren Luchbergs und gehen durch Fürstenwalde an der Gedenksäule für den dort geborenen Zimmermann und Baumeister George Bähr vorüber zum Kratzhammer, wo wir auf den Alten Kratzhammerweg einbiegen wollen aber entweder irrtümlich gleich oder später von diesem auf den Karl-Xaver-Maximilian-Weg einbiegen. Anstatt der Weißen Müglitz haben wir dann den Löwenbach zu Seite und kommen anstelle von Lauenstein in Löwenhain heraus. Dort gehen wir nach den ersten Häusern quer über das Feld zum Schäfereiweg, der uns durch das Graupener Tor nach Lauenstein bringt. Dort stellen wir fest, dass es nach 17 Uhr keine Einkehrmöglichkeit mehr gibt und der Zug nach Dresden in elf Minuten fährt. Wir eilen rasch dem Bahnhof im Müglitztal zu und erreichen den Zug gegen 17:30 Uhr.
Brachwitzer Alpen
22. Februar 2025
Die zwei Leipziger Wanderfreunde erwarten mich bereits am Bahnsteig in Halle. Da der erwartete Bummelzug nach Könnern gerade wegen Bauarbeiten ausfällt, nehmen wir vom Bahnhofsvorplatz die Elektrische bis zur Endstation Trotha. Von der Gleisschleife aus gehen wir zum Bäcker Hennig im Kaufland-Klotz und nehmen erstmal einen Kaffee. Den Parkplatz querend biegen wir in die Brachwitzer Straße ein. Anstatt der befürchteten Ödnis eines Industrie- und Gewerbegebietes um den Saalehafen erleben wir eine nostalgische Beschaulichkeit von alten Speichern, Mühlen und dem neoklassizistischen Kühlhaus, das in den Jahren um Stalins Tod nach dessen Schönheitserwartungen errichtet wurde. Verblasste Inschriften in makelloser Fraktur beschwören den Weltfrieden.
Hinter Alaune stolpern wir gleich über die erste Porphyrklippe am Saalestrand in ein verbuschtes und mit Weidezäunen eingehegtes Gebiet. Wiederholt müssen wir Zäune übersteigen, umgehen oder durchkriechen. Erst nach der Ersteigung des Trompeterfelsens, der in den Fluss hineinragt, gelangen wir auf den Weg zurück. Gegenüber liegt Lettin und Saaleabwärts ziehen sich die Klippen und Hügel hin. Die Landschaft erinnert an das Tal der Beraun zwischen dem gleichnamigen mittelböhmischen Städtchen, Tetin und Karlstein. Von der Klippe ins Hinterland absteigend gelingt es uns den Weg wiederzufinden, um nun vor dem Felshang nahe der Saale bis zum Kaffee und Konzertschuppen Saalekiez zu gelangen, wo wir uns draußen auf ein Getränk niederlassen. Bald dahinter entern wir wieder zwischen zwei Erhebungen auf und gehen über die Länge eines der Felsrücken abermals hinab zum Fluss.
Durch das Örtchen Brachwitz erreichen wir die welligen Hügel und gehen durch die Felder bis zum Abzweig an dem es hinunter nach Friedrichschwerz geht. Der Ortsname klingt im Vorfeld der morgigen Bundestagswahl wie Hohn in unseren Ohren. Schon am Ortseingang ist der preußische Friedrich zu sehen, der aus dem eingegangenen Ort 1769 durch Ansiedlung von zwanzig Familien wieder ein Dorf entstehen ließ. Allerdings ist die erst zu Beginn des zweiten Reichs errichtete Dorfkirche zweihundert Jahre nach Ortsgründung wieder abgerissen worden und an deren Stelle befindet sich heute ein hölzernes Kirchenmodell unter der Haube und auch das Friedrich-II-Denkmal ist mit einer Klarsichthülle bezogen. Die Häuschen des Dorfes sehen ärmlich aus. Auf einem Garagentor grinst ein aufgemaltes Walroß. An der Feuerwache nehmen wir eine Seitengasse und gelangen am ebenso ärmlichen Friedhof vorbei auf die Straße, welche die Baustelle der 22 Km langen Autobahn 143, welche die Südharzautobahn mit der A 14 verbinden soll.
Wie schon zur Adventswanderung bei Wünschendorf am Doberberg erblickt, abermals ein grausiges Schandmal einer völlig aus der Zeit gefallenen Landschaftszerstörung. Hoffen wir auf Rache an der Zapfsäule. Bei Döbelitz gelangen wir wieder an die Saale, wo allerdings kein Weg nach Mücheln durchführt. Nach dem Gang durch Dorfgassen am verwachsenen Haus vorbei und einer kleinen Rast am Sportplatz am Saaleufer wenden wir uns der kleinen Pflasterstraße gen Mücheln zu. Die dortige Templerkapelle ist geöffnet. Eine Wendeltreppe im Mauerwerk führt auf den Dachboden zu einer kleinen Ausstellung über den Orden und seine Geschichte.
In einem halben Stündchen sind wir in Wettin, wo wir kurz zu einer Replik des Dresdner Fürstenzuges abschweifen und dann feststellen müssen das der kleine Imbiss am Fährhäuschen, dem wir vor zwei Jahren zusprachen, heute leider geschlossen ist. Wir setzen uns auf eine Bank am Flussufer und betrachten die scheulos nach Futter gierenden Bisamratten inmitten der Stockenten. Ein aufgeräumter Busfahrer geleitet uns bis nach Halle, wo wir noch ein Weilchen in Bastians Bahnhofs-Lounge verbringen, bevor wir nach Süden und Norden abreisen.
Rückblick von Obervogelgesang nach Königstein
15. Februar 2025
Zu viert steigen wir hinter dem Haltepunkt Obervogelgesang hinauf zur Königsnase. Von dieser Felsklippe haben wir den ersten Ausblick durch die entlaubten Baumwipfel auf das Elbtal während dieser an Weitblicken und Aussichten reichen Wanderung. Auf dem Hangweg nach Naundorf kommen wir an einer Wasserpfütze vorbei in der Mitten im Wald eine kleine Fontäne aufsteigt. Wir rätseln über den Ursprung. Die offenbar durch natürliches Gefälle betriebene Springquelle könnte Bestandteil eines verwilderten Ausläufers des zum Schloss Kleinstruppen gehörenden Parks gehören, der oberhalb unseres Weges gelegen ist.
Durch Naundorf gehen wir zum Rauenstein, dessen Gasthaus umgeben ist von Kreidetafeln, die aussehen, wie eben beschrieben, wobei das Lokal seit Monaten in Winterruhe verfallen ist. Wir sehen hinüber zur Bastei, gehen hinab über den Laasenstein und die dortigen Hotels hinunter nach Oberrathen, wo wir längs der Elbe bis zu der sandsteinernen Wegsäule am Strand gelangen, um in einer Spitzkehre wieder hangaufwärts zur Kirchleite zu gehen, die uns bis zum von-Biedermannschen Mausoleum leitet. Dort steigen wir nach genossenem Ausblick steil und rutschig hinab ins lichtarme Pehnatal, besichtigen den dortigen Wasserfall und gehen am Ortseingang Thürmsdorf abermals spitzkehrig in Richtung der Festung Königstein.
Selbst dort haben die Lokale alle geschlossen und nur von einem Automaten werden Getränke ausgegeben. Das gleiche wird uns von hinter dem Festungsberg entgegenkommenden Wanderern von der Stadt in Aussicht gestellt. Nur eine Pizzeria hätte geöffnet. Wie wir nach Königstein hinabkommen, entsteht der Eindruck, hier gäbe es nur Restaurants, Hotels und Cafés, die dann aber bei näherer Betrachtung alle geschlossen sind. Bald nimmt uns der Zug nach Dresden mit.
Von Lohmen zum Hockstein
2. Februar 2025
Zu viert kamen wir in Pirna zusammen und fuhren mit dem Zug nach Lohmen, in der Absicht die Polenz bei Hohnstein zu kreuzen und beim Goßdorfer Raubschloss in das Sebnitztal abzusteigen. Beides unterblieb. Gleichwohl war der Weg zum Hockstein von einigen bislang unbekannten Reizen gesäumt, wie der schönen Kastanienallee von Lohmen nach Dorf Wehlen, auf die uns der Loschwitzer Wanderfreund verwiesen hatte und die wir auf halber Strecke über einen weggepflügten Weg zum Wehlener Kohlberg verließen, während wir längs einer neugepflanzten und eingehegten Hecke über den Unterschied von Weg als Bauwerk und Pfad als Begängnis, sowie den daraus resultierenden rechtlichen Folgen, sinnierten. Wir stiegen den hinauf, dessen schanzenartige Bekrönung wohl eher wasserwirtschaftliche als prähistorische Ursprünge hat.
So gelangten wir unvermutet in das umzäunte Areal mit dem Wasserspeicher und sahen uns genötigt an dessen östlichen Austritt ein Tor zu übersteigen. An der Wegesäule vor dem Abstieg nach Uttewalde wurde uns ein Ausblick zum Lilienstein gewährt. Wir kreuzten das Dorf und durchstiegen den nach ihm benannten feuchten Grund. Kluftsteig, Knoten- und Sandweg führten uns zur Basteistraße, auf der wir den Abzweig des Schulweges nach Rathewalde erreichten, der wieder Aussichten mit dem dominanten Kegel des böhmischen Rosenbergs eröffnete.
Hinterm Ort laufen wir den Querweg zur Straße die uns zur Hocksteinschänke führt und von dort den Hocksteinweg zu selbigen. Auf dem Hockstein blicken wir hinab ins Tal und hinüber nach Hohnstein um uns nach einer Weile wieder zurück zur Bushaltestelle an der Schänke zu begeben, wo wir bald in einem Omnibus nach Pirna sitzen, der sich am Basteiparkplatz mit einer Pfadfindergruppe füllt. Das Goßdorfer Raubschloss sahen wir nicht und Hohnstein nur vom anderen Ufer. Dieser Streifzug bekam nicht nur den Schwanz kupiert, sondern mit diesem zugleich beide Hinterläufe.
Von Niedergrund nach Bahratal
18. Januar 2025
Der rasche Anschluss in Schandau bringt uns ohne Säumen nach Niedergrund an der Elbe / Dolní ŽlebI bzw. bis 1949 in tschechischer Zunge sehr hübsch Dolní Grunt nad Labem genannt. In Niedergrund wurde bis Kriegsende ein ergiebiger Sandsteinbruch ausgebeutet, dessen Erzeugnisse nicht nur in Tetschen und Prag, sondern vielfach an den Dresdner Großbauten der Königlichen Ministerien, des Gerichtes am Sachsenplatz, der Kunstakademie auf der Brühlschen Terrasse, dem Residenzschloss aber auch sogar am Leipziger Reichsgericht verbaut wurden. Diesen örtlichen Steinreichtum bezeugt die glatte Straße aus Sandsteinblöcken, die längs des Lehmischbach, der im Unterlauf auch Kamenka geheißen wird und von Tschechen Dolnožlebský potok, bis weit in den Wald hinein verläuft. Unter großen Steinplatten strömen die Bäche hindurch ohne das Schuhwerk zu benetzen.
Wir gelangen zur Weggabelung An der Buche / U Buku, wo wir die markierten Wege verlassen um geradewegs der Grenze entgegenzulaufen, auf welcher der neue Forststeig verläuft, dem wir bis zum Taubenteich folgen, an dem wir eine kurze und kühle Rast halten um zum Thumschen Forsthaus Christianenburg zu laufen, wo wir den Wirt überzeugen können uns einzulassen. Nach uns betreten noch weitere Wanderer das Gasthaus, in dem ein deutscher Radiosender läuft. Wir wärmen uns auf, trinken einen Schluck und löffeln ein Süppchen, dann geht es weiter und über einen Bogen wieder beim Fuchsteich zum Grenzverlauf zurück.
Der Schnee ist verharscht und so bleibt das Schuhwerk trocken, wenn wir auch manches mal über den Weg tänzeln müssen, um nicht auszugleiten. Wir durchsteigen das Bielatal. Die Sonne verklärt die von Felswänden durchragten Baumwipfel. Unter dem Kristallpalast des Waldsaumes halten wir inne und ein Wanderfreund trägt sehr passende Verse aus Bartold Hinrich Brockes „Betrachtung einer sonderbar-schönen Winter-Landschaft vor: „Ein Wald von Berg-Krystall voll Diamanter Reiser / Sind überall zur Schau gestellt. / Ein Dresdnisch grün Gewölb' war ietzt die gantze Welt: /Weil nichts, als spielende Briljanten, / Als schütternde geschliff'ne Diamanten, / So weit man sah, zu sehn.“
Bei der Waldesruh´/ Lesní Zátiší gelangen wir nach der Gegend von Raitza / Rájec und gehen über die offenen Wiesen des Erzgebirges am Teich vorbei durch den in seiner Lage nur noch am Baumbestand nachvollziehbaren verwüsteten Ort. Wir beginnen uns zu sputen, um den Kraftomnibus am Grenzübergang zu erreichen, was uns dank geringfügiger Verspätung desselben gelingt. Wir sind bei weitem nicht die Einzigen, die hier warten und am Gasthof Hellendorf füllt sich das Fahrzeug mit einer großen Wandergruppe. Der Wirt wedelt an der Tür mit einem paar zurückgelassener Wanderstäbe, aber wir fahren schon. In Pirna ging es rasch weiter ins Dresdner Elbtal.
Von Zehista nach Weesenstein
4. Januar 2025
Von Pirna fahren wir mit dem leicht verspäteten Kraftomnibus bis Zehista, wo wir am Schloss vorbei, längs der Bahnlinie von Pirna nach Großcotta laufen. Die Linie, überwiegend zum Abtransport aus den Steinbrüchen des Lohmgrundes bestimmt, diente nur vierzig Jahre dem Personenverkehr, von der Eröffnung 1894 bis zum Jahr 1935, dann wurde sie allerdings mangels Autobussen noch ein gutes Jahrzehnt (1946-57) nach dem Kriege betrieben. Der Güterverkehr ruhte ab 1963. Industrieanschlüsse wurden noch bis 1998 bedient. Seither ist die Strecke stillgelegt.
Am Tunneleingang in Cotta standen wir vor Jahren, dort wo einige der bedeutendsten Gemälde der Dresdner Galerie, u. a. Raffaels Madonna, kriegsbedingt ausgelagert waren und von den ruhmreichen Sowjetsoldaten befreit wurden. Über die Felder zwischen Bahre und Dohmaer Wasser gehen wir nach Ottendorf, wo wir einem zum Räumfahrzeug umgebauten Miniaturbenz wiederbegegnen. Wir irren etwas durch den Ort und sehen dadurch das Schloss von allen Seiten. Sodann streben wir im Zickzack über offene Felder, freilich aber ohne derart vom Wind gepeinigt zu werden wie am Neujahrstag, dem Cottaer Busch zu, wobei uns ein Kradmelder in historischem Wintertarnkleid entgegenkommt. Das Zickzack wurde beschrieben, um an einer Stelle den Busch zu betreten, von der es möglich ist sowohl das Denkmal für den im Weltkrieg gefallenen Major Eschwege, als auch das steinerne Kanapee zu besuchen. Das erstere gelingt, für das Möbelstück irren wir eine ganze Weile durch den Busch um dann zufrieden auf der kleinen Steinbank Platz nehmen zu können.
Über Gersdorf und am Kalkbruch bei Borna vorüber queren wir die Autobahn um über Nentmannsdorf ins Seidewitztal hinabzusteigen. In einem der Orte staunen wir über ein dreiteiliges Kieselmosaik mit Szenen aus der Landarbeit. Ein Stück Seidewitztalabwärts gelangen wir durch den Dürrleiten- und Kanitzgrund nach Burkhardswalde, wo wir hinab ins Müglitztal gehen, wo uns einige Wandergruppen begegnen und das Schloss Weesenstein durch die kahlen Böhme sichtbar wird. In der offensichtlich slawisch bewirtschafteten Schloßwirtschaft nehmen wir einen Trunk und gehen dann hinab zum Bahnhalt, wo wir den Extrazug besteigen, der bis zum Dresdner Hauptbahnhof durchfährt.
Zweimal über die Elbe
Neujahr 2025
Als wir am Bahnhof von Radebeul alle fünf versammelt sind, schlagen wir den Bogen über die Bahnbrücke und gehen über die Scharfe Ecke zum Dorfkern von Alt Radebeul an dessen unterem Ausgang wir rechts über die Felder in Richtung Serkowitz abbiegen. Ohne durch das Dorf zu gehen, wenden wir uns der Elbe zu, die wir an der früheren Fährstelle gegenüber der Gohliser Windmühle erreichen und in naher Ferne den Kaditzer Kirchturm erblicken, den wir auf dem Leinpfad erreichen. Durch das Straßenangerdorf gelangen wir in die Flutrinne der Elbe, die wir queren, um die Autobahnbrücke zu erreichen, auf der wir zum ersten Mal das Ufer der Elbe wechseln.
Nahe der Brücke ist vom Weg aus, der längs der Bahnlinie verläuft, können wir eine Splitterschutzzelle zwischen den Gleisen stehen sehen. Diese Einmannbunker wurden ganz in der Nähe in der Übigauer Werft gefertigt. Das Modell trafen wir an und betraten es vor gut zwei Jahren im Hof der Rabsteiner Fabrik in Nordböhmen. Hinter dem städtischen Tierheim biegen wir hangaufwärts zwischen Obstwiesen nach Mobschatz ab. Durch das Dorf geht es nach Altleuteritz, von wo wir zu tief am Hang herabgeraten und uns im Wegenetz einer Neuleuteritzer Gartensparte verfitzen. Während uns unablässig ein scharfer Wind ins Gesicht bläst, gehen wir wieder zurück und finden mit dem Brunnenweg einen Seitenpfad, der uns für die Abirrung entschädigt.
Über offenes Land erreichen wir Brabschütz auf dessen Feuerwehrteich auf einer Insel ein geputzter Weihnachtsbaum schwankt vor dem Geschlenker einer Trauerweide. Die Straße am Lotzebach führt usn nach Rennersdorf, wo uns der nur sommersonntags geöffnete alte Gasthof zur Silbertalsperre auffällt. Am eingezäunten Ostufer des oberen Staussees gelangen wir durch Obewartha, dessen Herrenhaus seit unserem letzten Besuch wiederhergestellt wurde, zu den fünf Brüdern, jenem Platz mit den gewaltigen Kastanien, an dem vorüber es hinunter in den Tännichtgrund geht. Den Niederwarthaer Gasthof treffen wir versperrt an. Doch der Dresdner Wanderfreund kann umgehend in den Nahverkehrsbus einsteigen, der auf diesem Elbufer noch in der Dresdner Tarifzone unterwegs ist. Wir wechseln wieder auf das rechte Ufer und laufen bis Kötzschenbroda an geschlossenen Gasthöfen, Dampfschiff und Bürgergarten vorbei.
Die Kötzschenbrodaer sind fast daheim. Wir Radebeuler und Trachauer stärken uns mit Kaffee und Kakao um die letzte Wegstrecke beschwingt zurückzulegen. Über den Findeisenschen Kohlfeldern verheißt uns ein feuerroter Abendhimmel einen nachfolgenden guten Tag. Zugleich beeindruckt er durch sich selbst, was auch nicht gemindert werden kann, durch die beredsamen physikalisch-optischen Ausführungen über Lichtbrechungen und Linsenwirkung. Aber wir verschanzen uns nicht hinter der Fraunhoferlinie. Wir setzen uns der offensichtlichen Wirklichkeit aus: Die Sonne geht unter und hebt sich morgen neugeboren. Manches bleibt in Nacht verloren… Einen beachtlichen Weg haben wir am ersten Tag des Jahres zurückgelegt und sind gleichermaßen erfrischt wie erschöpft vom Wind, der uns ins Angesicht blies.